WISSENSCHAFT UND BILDUNG


Ureinwohner der westlichen Amazonasregion

Baku, 8. Februar, AZERTAC

Die Ureinwohner der westlichen Amazonasregion haben vor dem Kontakt mit den Europäern nicht nur Hunderte eindrucksvolle Grabenanlagen geschaffen, sondern die umliegenden Waldgebiete über Jahrtausende bewirtschaftet. Das schließt ein internationales Forscherteam aus Bodenanalysen in der Umgebung der sogenannten Geoglyphen im westbrasilianischen Bundesstaat Acre. Geoglyphen sind großflächige Erdzeichnungen und -muster.

Dort hatten die Bewohner vor 3500 bis 650 Jahren rund 500 große Anlagen errichtet, die erst kürzlich bei der Rodung des Dschungels zum Vorschein kamen. Die damaligen Baumeister hätten den Wald zwar gezielt verändert, aber lediglich auf lokaler, nachhaltiger Basis, schreibt das Team um Jennifer Watling von der Universität São Paulo in den "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Erst die großflächige Rodung von Waldgebieten brachte die Anlagen ans Licht: Vor einigen Jahren entdeckten Forscher in Acre auf einer Fläche von 13.000 Quadratkilometern mehr als 450 geometrische Erdmuster. Die meist rechteckigen oder runden Geoglyphen stammen noch aus vorkolumbianischer Zeit.

Versammlungsorte für Zeremonien - Die ältesten davon sind 3500 Jahre alt, die jüngsten 650. Die ausgehobenen Gräben sind bis zu 11 Meter breit und 4 Meter tief, und die Anlagen haben einen Durchmesser zwischen 100 und 300 Metern. "Die Geoglyphen des westlichen Amazonas halten mit den beeindruckendsten Beispielen präkolumbianischer Monumentalarchitektur in ganz Amerika mit", schreibt das Team.

Typischerweise liegen die Geoglyphen auf Hügeln. Weil kaum kulturelle Objekte in den Anlagen gefunden wurden, vermuten Forscher, dass sie als Versammlungsorte für Zeremonien genutzt wurden. Kontrovers diskutiert wird die Frage, wie stark die Menschen damals ihre Umwelt beeinflussten.

Dabei wurden sogar Vermutungen laut, die Bewohner der Amazonasregion hätten indirekt zur kleinen Eiszeit in der frühen Neuzeit beigetragen. Demnach hätten sie die Region so sehr abgeholzt, dass nach dem Bevölkerungsschwund, der auf den Kontakt mit den Europäern folgte, die Vegetation so stark nachwuchs, dass sie der Atmosphäre riesige Mengen Kohlendioxid (CO2) entzog und so zur Abkühlung der Erde beitrug.

Geoglyphen lagen versteckt im Wald - Die Forscher analysierten nun Bodenproben in der Umgebung zweier Geoglyphen bis in eine Entfernung von 7,5 Kilometern. Dabei achteten sie unter anderem auf Kohlereste, die auf Brandrodung hinweisen, und auf Phytolithe, also von bestimmten Pflanzenarten gebildete winzige Kristalle, die lange im Boden überdauern und Rückschlüsse auf die einstige Vegetation zulassen.

Die Analyse zeigt, dass um die Geoglyphen keine größeren Waldgebiete dauerhaft abgeholzt wurden, obwohl dies bei dem damals vorherrschenden Bambusbewuchs kein großer Aufwand gewesen wäre. "Das deutet darauf hin, dass die Geoglyphen nicht für Sichtkontakt angelegt waren, sondern versteckt lagen: ein unerwarteter Befund", folgert das Team.

Allerdings seien die Wälder sehr wohl über Jahrtausende gezielt verändert worden - auch schon vor 4000 Jahren, also weit vor Beginn der Bauarbeiten. Demnach wuchsen an den beiden untersuchten Orten nach Brandrodungen über einen Zeitraum von etwa 3000 Jahren - also während der gesamten Zeit der Geoglyphen-Nutzung - Palmen.

Langen Tradition von Waldnutzung - Dies lasse sich nur durch menschliche Eingriffe erklären, betonen die Autoren. Sie verweisen darauf, dass Palmen oft zu den ersten Pflanzen gehören, die gerodete Wälder besiedeln. Kohlefunde in der tieferliegenden Erdschicht stützen diese Interpretation. Zudem hätten die Menschen damals Palmen wirtschaftlich nutzen können.

Nachdem die Geoglyphen gegen Mitte des 14. Jahrhunderts aufgegeben wurden, schrumpfte der Palmenbewuchs den Forschern zufolge zusammen. Allerdings finden sich in der Umgebung der Geoglyphen auch heute noch auffällig viele Pflanzenarten, die wirtschaftlich genutzt werden. Diese könnten Überbleibsel der damaligen Nutzung sein, spekuliert das Team.

"Im Gegensatz zu anderen Studien schlagen wir vor, dass der Bau der Geoglyphen in Acre nicht mit Abholzung im großen räumlichen und zeitlichen Rahmen verbunden war." Stattdessen sei er mit einer langen Tradition von Waldnutzung und Ressourcenmanagement einhergegangen. Diese habe die Zusammensetzung des natürlichen Bambuswaldes über Jahrtausende verändert.

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