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Vögel schrumpften sich flugfähig

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Baku, den 27. Februar (AZERTAG). Was Vögel von ihren direkten Vorfahren unterscheidet, sind insbesondere ihre Flügel. Wie sie zu den langen Vordergliedmaßen kamen, gehörte lange zu den Rätseln der Evolution. Britische Forscher wollen es nun gelöst haben - und verwerfen die bisher übliche Erklärung.

Wenn Menschen sehr alt werden, geschieht etwas Seltsames mit ihnen. In Relation zum Gesicht scheint ihr Ohr oft bis zu 25 bis 30 Prozent größer zu sein als bei jüngeren Menschen. Wachsen Ohren also mit zunehmendem Alter?

Natürlich nicht: Sie schrumpfen nur nicht. In hohem Alter verliert der Mensch an Größe und „Volumen“. Er verliert Zähne, der Kieferknochen geht zurück. Der Knorpel des Ohres aber bleibt, wie er immer war. In Relation zum Rest des Gesichtes scheint das Ohr darum zu wachsen.

Wenn man einer aktuellen, im Fachmagazin „Evolution“ veröffentlichten Studie von Mark Puttick und Kollegen folgt, dann ist im Laufe der Entwicklung von zweibeinig laufenden Theropoden hin zu Vögeln etwas ganz Ähnliches passiert. Die Raubsaurier „schrumpften“, beispielsweise waren Maniraptoren kleiner und leichter als ihre Vorfahren. Allein ihre Vordergliedmaßen machten diese Verkleinerung nicht mit. In Relation zum restlichen Körper schienen die Vordergliedmaßen also zu wachsen - und begünstigten auf diese Weise später die Ausprägung von Flügeln.

Kein Schub, sondern ein Prozess über 50 Millionen Jahre - Wie Vögel zu ihren langen Vordergliedmaßen kamen, gehört zu den alten Rätseln der Vogel-Evolution. Welchen evolutionär wirksamen Vorteil hätte es gehabt haben können, immer längere Vordergliedmaßen auszuprägen? Wenn das Team um Puttick recht behält, taten die Vorfahren unserer Vögel das aber gar nicht - sie behielten nur „alte“ Merkmale größerer Saurier auch dann noch bei, als sich sie sich zu kleineren Arten entwickelten.

Bisher war man davon ausgegangen, dass ein relativ plötzlicher Evolutionsschub dafür sorgte, dass kleine Theropoden Gleitflug und Flügelschlag entwickelten. Laut der nun veröffentlichten Studie nahm dieser Prozess deutlich früher seinen Anfang. Demnach entwickelten verschiedene Raptoren aus der Familie der Coelurosaurier schon ab dem Jura mit hohem Tempo Merkmale, die zur Entstehung der folgenden Gruppen Paraves und Aves führen sollten.

Über etliche Millionen Jahre „experimentierten“ solche Saurier dann mit verschiedenen Flugmethoden, vom „Fallschirm“-Ansatz über den gesteuerten Gleitflug bis hin zum Flug aus eigener Kraft - die Methode, die sich schließlich durchsetzen sollte. Insgesamt dauerte dieser Prozess wohl etwa 50 Millionen Jahre, eingeleitet wurde er von der Veränderung der Proportionen.

„Die Entwicklung der Vögel“, erklärt dazu Mark Puttick, „wurde als rapide Veränderung gesehen. Jetzt wissen wir, dass die maßgeblichen Charakteristika, die wir mit Vögeln verbinden, viel früher angelegt wurden.“ Und die langen Arme, die zu den Flügeln der Vögel werden sollten, wären demnach kein neu entwickeltes Merkmal, sondern das beibehaltene Erbe größerer Dinosauriervorfahren.

Die Studie steht in Einklang mit Erkenntnissen der vergangenen Jahre, wonach auch die Entwicklung anderer vermeintlich vogeltypischer Merkmale wie der Federn oder des Vogelhirns bereits bei Theropoden einsetzte.

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