WELT


Was die Hippies wirklich hörten

A+ A

Baku, den 20. Mai (AZERTAG). Als im Jahr 1969 eine Hippie-Villa bei San Francisco abbrannte, blieb von den Habseligkeiten der Bewohner nicht viel übrig, aber immerhin einige ihrer Schallplatten. Die hat jetzt Archäologe Breck Parkman ausgewertet - mit verblüffendem Ergebnis.

„Sage mir, was du für Musik hörst, und ich sage dir, wer du bist!“ Dass man mit dieser Aussage vorsichtig sein muss, stellte der Archäologe Breck Parkman fest, als er die Ruinen der Burdell Villa im Olompali State Park nördlich von San Francisco untersuchte.

Vor 40 Jahren wurde in dem 26-Zimmer-Anwesen viel Musik gehört. Die Villa war bekannt als „Weißes Haus des Hippietums“, hier lebten bis zu 90 Mitglieder der „Chosen Family“ in einem utopischen Experiment zusammen. Die Musiker von Grateful Dead gingen hier ein und aus. Janis Joplin kam oft her, auch Jefferson-Airplane-Frontfrau Grace Slick und LSD-Guru Timothy Leary. Sogar Courtney Love, Witwe des Nirvana-Frontmanns Kurt Cobain, war damals dabei: Sie ist als Fünfjährige auf dem Cover des Grateful-Dead-Albums „Aoxomoxoa“ zu sehen. Das Bild wurde im Garten der Villa aufgenommen.

Platten, Bier und Schuhe - In der Nacht zum 2. Februar 1969 brannte das Gebäude bis auf die Grundmauern nieder, die „Chosen Family“ löste sich auf. Die Reste ihres Zusammenlebens fand Parkman, als er den Brandschutt untersuchte: „Hauptsächlich Schallplatten, Bierdosen und Schuhe.“ Insgesamt 55 Vinylscheiben konnte der leitende Archäologe des US-Bundesstaates Kalifornien bergen. Die erstaunlichen Ergebnisse seines Fundes werden diesen Sommer in einer Sonderausgabe der Zeitschrift „World Archaeology“ veröffentlicht, die der „Archaeology of Sound und Music“ gewidmet sein wird.

Die Platten zu identifizieren war nicht leicht. Abspielen ließen sich die Scheiben nicht mehr. Und von den Papphüllen war nichts geblieben, selbst die Papieraufkleber auf den Platten hatten sich im Laufe der Jahre zu wenigen Fetzen aufgelöst. Hilfreich war die Länge der einzelnen Lieder, markiert durch die Trennrillen zwischen den Songs. „Wenn zum Beispiel das erste Lied einer Platte sechs Minuten lang war, gefolgt von einem Zwei-Minuten-Lied und dann einem Vier-Minuten-Lied, konnte ich nach Alben mit vergleichbaren Songlängen suchen“, erklärt Parkman. Und bei einigen Platten konnte der Archäologe die kleine Katalognummer noch entziffern, die zwischen den Rillen und dem Label eingestanzt ist.

Jemand stand auf Musicals - Was Parkman fand, entspricht allerdings so gar nicht dem, was man in einer Hippie-Kommune erwarten würde, in der sich die bedeutendsten Musiker jener Jahre quasi zu Hause wähnten. Weder waren Alben der Grateful Dead unter den Funden, noch welche von Jefferson Airplane. Und nur zwei der Schallplatten waren überhaupt zur Zeit der Kommune erschienen: „Renaissance“ von Vanilla Fudge und „Super Session“ von Mike Bloomfield, Al Kooper und Stephen Stills. Die meisten Alben hatten bereits etliche Jahre auf dem Buckel, als die Villa abbrannte - das älteste ist eine Aufnahme des Musicals „Kismet“ aus dem Jahr 1953.

Überhaupt scheint jemand gerne Musicals gehört zu haben: Auch die „West Side Story“ und „My Fair Lady“ sind unter den Funden. Dazu kommen alte Rumba- und Jazzaufnahmen, klassische spanische Gitarrenmusik - und zwei Lernschallplatten für den Französischunterricht. „Es ist denkbar, dass diese beiden Platten in der 'Not School' der Kommune genutzt wurden“, schreibt Parkman. Die Chosen Family unterrichtete ihre Kinder selbst.

„Vielleicht gehörten sie aber auch Sandra Barton“, fährt er fort. Sandra Barton war eine Sängerin und Entertainerin mit Auftritten in den berühmtesten Nachtclubs von San Francisco - und mit 48 Jahren eines der ältesten Mitglieder der „Chosen Family“. Ihr Zimmer lag im zweiten Stock. Während des Feuers brach der Fußboden und ihre gesamten Habseligkeiten fielen hinunter in den Speisesaal, wo sie die Flammen erstickten. So blieb von Sandra Bartons Leben - und von ihrer Musik - mehr erhalten, als von dem der anderen Kommunenmitglieder. Der bessere Erhaltungszustand ihrer Sachen hat möglicherweise das Gesamtbild erheblich verzerrt.

„Die musikalische Vielfalt legt nahe, dass in der Kommune eine große Bandbreite an Persönlichkeiten mit sehr unterschiedlichen Hintergründen lebte - so wie es typisch für jede gemischte Gruppe von Menschen mit gleichen Werten und Idealen ist, die sich für ein gemeinsames Ziel zusammenschließt“, beendet Parkman seinen Bericht. „Diese Schallplatten sollten eine Diskussion über unsere kulturellen Vorurteile anregen. In diesem Fall darüber, wie wir uns einen 'Hippie' eigentlich vorstellen.“

© Jede Verwendung von Materialien muss durch den Hyperlink kenntlich gemacht werden

KONTAKT MIT DEM AUTOR

Füllen Sie die erforderlichen Stellen mit Zeichen* aus

Bitte geben Sie die Buchstaben wie oben gezeigt ein.
Egal, ob die Buchstaben groß oder klein sind