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Was wissen wir über geheimnisvolle Welt der Wale?

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Baku, den 1. März (AZERTAG). Früher wurden Wale gejagt, verteufelt und beinahe ausgerottet - heute gelten sie als Ikonen des Lebensraums Meer. Doch was wissen wir wirklich über sie? Forscher haben zuletzt viele Rätsel gelöst.

Mitte der neunziger Jahre flogen Andrea und Wilfried Steffen zum ersten Mal in die östliche Karibik, um mit Walen zu tauchen, genauer gesagt mit Pottwalen. Vor der kleinen Insel Dominica stiegen sie ins Wasser und folgten einer Gruppe dieser Tiere. Minuten später war ihr altes Leben Makulatur. Sie wurden zu Teilzeitforschern aus Leidenschaft.

Denn einer der Wale hatte innegehalten und sich umgedreht. Es war ein Pottwalkalb, gut sieben Meter lang. Es steuerte auf die beiden zu. Im Herannahen stieß es Klicklaute aus, die man im Wasser spüren konnte. „Es fühlte sich an wie das Vibrieren von Bässen aus einer Lautsprecherbox“, sagt Andrea Steffen, die sich im Wasser damals nicht zu rühren wagte. Schließlich schwamm das Kalb direkt vor ihr. „Es tastete mich ab mit seinen Klicks, wollte wissen, wer ich bin.“ Was das Jungtier wahrnehmen konnte, schien ihm zu genügen. Es drehte ab und ließ Andrea Steffen aufgewühlt zurück. Als sie mit ihrem Mann nach oben schwamm, weinte sie. „Das war so emotional, das kann man nicht beschreiben.“

Große Teile des Ozeans sind kaum erforscht - Seit dieser Begegnung haben die Steffens ihr Herz an die Wale verloren und ihr Leben neu justiert. Mehrmals im Jahr fliegen sie nach Dominica, wo sie mittlerweile ein Pottwal-Forschungszentrum betreiben, obwohl sie keine Wissenschaftler sind, sondern Steuerberaterin und IT-Fachmann. Doch ihre Beobachtungen und Aufzeichnungen helfen Forschern, mehr Licht in das Leben dieser Art zu bringen. Eigentlich unglaublich, dass derart große Tiere immer noch geheimnisumwittert sind. Noch rätselhafter ist unsere Beziehung zu den Walen. Die Tiere wurden ausgebeutet wie kaum eine andere Spezies. Heute schätzen wir den ideellen Wert der Meeressäuger dagegen über die Maßen.

Da die Bestände aller Arten im Zuge der Jagd fast ausgerottet wurden, findet man die Tiere allerdings selbst heute nur mit großer Mühe. Das erschwert ihre Erforschung. Überdies wandern viele auf Routen, die sich über riesige Gebiete erstrecken. Walkundler müssen deshalb pfiffig sein, um den Tieren auf die Schliche zu kommen.

Wie schwer eine verwertbare Beobachtung selbst schiffsgroßer Exemplare ist, verdeutlicht eine 2012 erstellte Weltkarte. Wissenschaftler der Universitäten Freiburg im Breisgau und St. Andrews in Schottland fassten dafür Studien zusammen, nach denen von 1975 bis 2005 nur in einem Viertel der Meere überhaupt nach Walen und Delfinen geforscht wurde. Der Großteil der Untersuchungen fand außerdem auf der Nordhalbkugel statt, vor den Küsten finanzkräftiger Regionen wie Nordamerika oder Europa. Die südliche Hemisphäre wies mit Ausnahme der Gewässer um die Antarktis riesige weiße Flecken auf. Eine regelmäßige Datenerhebung erfolgte auf gerade mal sechs Prozent der gesamten ozeanischen Fläche.

Um mehr über die Tiere herauszufinden, greifen Forscher mittlerweile auf modernste Technik zurück. Satelliten verfolgen besenderte Orcas und Blauwale. Unterwassermikrofone spüren Buckelwalen in der Antarktis nach.

Erkenntnisgewinn aus Kot und Ohrenschmalz - Neben Technik nutzt der Mensch auch seinen besten Freund, den Hund. Auf eine Seemeile entfernt erschnüffeln die Vierbeiner den Kot der gesuchten Atlantischen Nordkaper. Die Laboranalyse der frischen Hinterlassenschaften verrät Wissenschaftlern, ob beispielsweise trächtige Tiere in der Gegend unterwegs sind. Oder ob sie unter Krankheiten leiden.

Details aus dem Leben der Wale verraten auch andere Ausscheidungen, etwa das Ohrenschmalz. So ließ sich bei einem zwölfjährigen, tot im Meer treibenden Blauwal der 25 Zentimeter lange Ohrenschmalz-Pfropfen lesen wie eine Baumscheibe. Es bilden sich Ablagerungsschichten, die man wie Baumringe einzelnen Jahren zuordnen kann. Anhand des von innen nach außen steigenden Testosterongehaltes im Pfropfen ermittelten die Forscher, dass der Wal mit zehn Jahren geschlechtsreif wurde.

Immer wieder kreuzen Wale auf ihren Wanderungen unsere Wege. Viele folgen seit Urzeiten der groben Regel, den Nachwuchs in warmen Gewässern aufzuziehen und dann wieder in die Kälte zu schwimmen. Dort gibt es einfach mehr zu fressen. Diesen Lebenswandel pflegen auch Minkwale, von denen bis vor kurzem nicht bekannt war, wo sie sich neun Monate im Jahr aufhalten. Im Sommer findet man sie am Great Barrier Reef vor Australien und dann - verschwinden sie spurlos. Erst im vergangenen Jahr wurden mit Ortungsgeräten markierte Tiere erstmals von Schiffen der australischen Marine verfolgt. Erstaunliche 3000 Kilometer legte ein junges Männchen binnen 30 Tagen gen Süden zurück. Die Spur soll weiter verfolgt werden.

Bei der Erforschung des rätselhaften Verhaltens der Riesen zerbröselt immer mal wieder auch ein Stück unseres Selbstverständnisses. Einzigartig ist unsere Spezies mitnichten. Hal Whitehead aus Nova Scotia ist inzwischen davon überzeugt, dass nicht nur Menschen über Kultur verfügen, sondern auch der Wal. Der Biologe von der Dalhousie Universität in Halifax gehört zu den weltweit führenden Pottwal-Experten.

Whitehead stieß vor den Galapagosinseln auf zwei Gruppen von Pottwalen, die seine Theorie von der Kultur der Wale begründeten. Der Forscher definiert Kultur aus Sicht eines Biologen, was bedeutet, „dass Mitglieder einer Population Verhaltensweisen weitergeben, indem sie Informationen austauschen.“

Lernen von der Sippe - Bei Pottwalen leben die Geschlechter getrennt. Während heranwachsende Bullen bis ins Südpolarmeer ziehen oder in den Norden hinauf bis nach Island, schließen sich die Kühe mit ihrem Nachwuchs und anderen weiblichen Tieren zu Gruppen zusammen. Sie bleiben in den warmen Regionen und pflegen untereinander ein intensives Sozialverhalten: Sie schützen sich vor Schwertwalattacken, säugen auch die Kälber anderer Kühe und teilen sich das Babysitting, wenn die Mütter in den Tiefen nach Tintenfisch jagen. Diese kleinen Verbände von durchschnittlich zehn Tieren sind Angehörige riesiger Clans, die mehrere tausend Pottwale umfassen können und weiträumige Areale besiedeln.

Was Whitehead vor den Galapagos-Inseln fand, waren zwei Gruppen aus verschiedenen Clans, die denselben Lebensraum miteinander teilten. Damit stieß er auf das, was er eine „multikulturelle Gesellschaft“ nennt.

Dem Biologen war aufgefallen, wie unterschiedlich sich die beiden Pottwalgruppen verhielten. Jede hatte ein eigenes Bewegungsmuster: Die eine blieb in der Nähe der Küste, während die andere weit hinausschwamm. Außerdem kommunizierten sie anders. Jeder Verband verwendete eine individuelle Abfolge von Klicklauten - sie hatten also eine Art Dialekt.

Whitehead untersuchte die Erbanlagen der Tiere, da er annahm, so signifikante Verhaltensabweichungen müssten genetisch bedingt sein, doch er fand keine Unterschiede. Ihm blieb als einzige Erklärung, „dass diese Clans sich kulturell herausgebildet haben“.

Der Pottwalnachwuchs lernt also die Regeln seiner Sippe, die ihm Mütter, Großmütter und Tanten beibringen. Wo Leben so sehr vom Lernen abhängt, sind Lehrer unverzichtbar. Kommen sie abhanden, kann sich eine Art vielleicht nicht mehr erholen, weil ihr das Know-how zum Überleben fehlt. Whitehead nennt das Beispiel des Atlantischen Nordkapers, der unter dem Walfang mit am stärksten gelitten hat. Wegen der massiven Bejagung gibt es heute nur noch etwa 300 bis 400 Tiere. Diese suchen ihre Nahrung hauptsächlich in einem begrenzten Gebiet, dem Golf von Maine an der Ostküste Nordamerikas. Andere geeignete Jagdgründe scheinen sie nicht anzusteuern, selbst wenn das Futterangebot ihrer Heimatgewässer in manchen Jahren nicht ausreicht. Der kanadische Meeresforscher wertet das als deutlichen Hinweis darauf, „dass ihnen die traditionellen Kenntnisse alternativer Jagdgründe verlorengegangen sein könnten“.

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