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Wenn Bakterien gegen Antibiotika resistent werden

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Baku, 24. Juli, AZERTAC

Wenn Bakterien gegen Antibiotika resistent werden, büßen sie etwas Fitness ein - dachte man bisher. Eine aktuelle Studie deutet jedoch genau in die andere Richtung.

Die zunehmenden Resistenzen von Krankheitserregern gegen Antibiotika sind anscheinend noch bedenklicher als bislang angenommen: Eine Studie deutet darauf hin, dass resistente Keime sowohl aktiver als auch besser übertragbar sein können. Das widerspricht der bisherigen Lehrmeinung, laut der resistente Erreger - abseits einer Antibiotikatherapie - eher geschwächt sind.

Der Kampf gegen Resistenzen sei schwerer als gedacht, schreibt das Forscherteam um Gerald Pier und David Skurnik von der Harvard Medical School in Boston (US-Staat Massachusetts) im Fachblatt „Science Translational Medicine“.

Antibiotikaresistente Bakterien sind ein globales Problem. Die Entstehung und Verbreitung der unempfindlichen Keime wird durch den allzu häufigen Einsatz der Medikamente in der Medizin und Tierzucht begünstigt.

Ob resistente Bakterienstämme tatsächlich weniger aktiv sind als ihre Antibiotika-empfindlichen Verwandten, überprüften die Forscher anhand von drei Krankheitserregern:

Pseudomonas aeruginosa, einem gängigen Verursacher von Lungenentzündungen, Vibrio cholerae, dem Auslöser der Cholera, Acinetobacter baumannii, einer häufigen Ursache von Krankenhausinfektionen.

Bei allen drei Erregern ergaben Versuche an Mäusen und Kaninchen, dass die resistenten Keime besser übertragbar und aggressiver waren.

„Unsere Ergebnisse zeigen für jeden dieser sehr unterschiedlichen Erreger durchgängig, dass Resistenzen und das Aneignen neuer Resistenzen die Fitness und das Überleben in einem infizierten Wirt fördern“, schreiben die Autoren.

Die Forscher erklären das Phänomen damit, dass Erreger mit einer guten Abwehr auch jenseits des Kontaktes zu Antibiotika überlebensfähiger sind. Schließlich werden Mikroorganismen ständig mit Giften anderer Bakterien oder Abwehrstoffen des Immunsystems konfrontiert.

Ernste Sorge – „Die erhöhte Aggressivität resistenter Stämme in Versuchen weckt die ernste Sorge, dass diese schwieriger zu behandelnde Infektionen verursachen können, auch jenseits einer Therapie mit Antibiotika“, schreiben die Autoren.

Der Verzicht auf Antibiotika genüge allein nicht, um die Bildung und Verbreitung resistenter Stämme zu verhindern, mahnen sie. Man brauche darüber hinaus alternative Ansätze, um Infektionen zu vermeiden und zu behandeln.

Helmut Fickenscher von der Universität Kiel spricht von einer „sehr, sehr spannenden Studie“, bei der die Forscher sehr detailliert vorgegangen seien. „Ob das die Medizin revolutionieren wird, ist allerdings völlig offen.“ Fraglich sei, ob die Ergebnisse aus Tierstudien auf den Menschen übertragbar seien, sagt der Mediziner. Allerdings sei das Resultat der Forscher nicht unplausibel: Denn häufig würden die Gene für Antibiotikaresistenzen und für hohe Aggressivität gemeinsam übertragen.

Dies könne eine höhere Aggressivität multiresistenter Mikroorganismen erklären.

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