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Wenn Menschen Angst überkommt?

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Baku, 29. Januar, AZERTAC

Aus Angst meiden sie Ärzte, manche Menschen mit einer Spritzenphobie lehnen sogar lebensrettende Therapien ab. Eine Betroffene erzählt von ihrem Kampf gegen die Furcht.

Wenn Menschen die Angst überkommt, rast das Herz, ihnen wird übel, heiß und kalt, der Schweiß bricht aus. Wer unter einer Phobie vor Spritzen leidet, kennt oft noch ein anderes Symptom: Ohnmacht. Bei drei von vier Spritzenphobikern kann die Furcht dazu führen, dass sie das Bewusstsein verlieren.

Schätzungen zufolge leiden zwischen drei und zehn Prozent der Bevölkerung unter einer übersteigerten Angst vor Spritzen.

Martina Kästner (Name geändert) ist mehrmals vor Angst in Arztpraxen kollabiert. Mit 16 Jahren, erzählt sie, ist sie vor einer Weisheitszahn-OP im Wartezimmer des Kieferchirurgen in einen Glastisch gefallen, zu groß war die Furcht vor der Betäubungsspritze. Wie viele andere Betroffene hat die heute 36-Jährige über Jahre Arzt- und Krankenhausbesuche gemieden, trotz Krankheiten oder Schmerzen.

Wenn sie sich doch durchringen konnte, hoffte sie meist vergeblich auf Verständnis. "Die Diagnose gibt es gar nicht, Sie bilden sich das alles ein", habe ein Arzt gesagt - obwohl die Diagnose bekannt und anerkannt ist. Immer wieder hörte sie Sätze wie: "Niemand mag Spritzen, stellen Sie sich nicht so an." Wenn sie in der Praxis ohnmächtig wurde, hieß es: Ist halt eine junge, schlanke Frau mit labilem Kreislauf - die kippen doch schnell mal um.

Es gibt noch drastischere Fälle als den von Kästner. Die britische Psychotherapeutin Kate Jenkins schildert in einem Fachartikel die Geschichten einiger Patienten. Darunter etwa ein 24-Jähriger, der an einem Hodgkin-Lymphom litt und dringend eine Chemotherapie brauchte. Seine Frau war schwanger. Aber aufgrund seiner Furcht konnte er sich nicht zur Chemo durchringen, obwohl der Krebstod drohte. Glücklicherweise, schreibt Jenkins, entschied der Mann sich dafür, seine Phobie behandeln zu lassen und konnte anschließend die Krebstherapie beginnen. Das Beispiel zeigt: Spritzenphobie kann lebensgefährlich sein.

Kästner hat sich mit 29 Jahren entschlossen, dass sie etwas ändern muss und sich eine Therapeutin gesucht. "Ich war beim Zahnarzt - mal wieder - in Tränen ausgebrochen. Mir war klar, dass ich den Folgetermin zur Behandlung nie wahrnehmen würde. So konnte es nicht weitergehen."

Die Angst aushalten lernen - Wie bei anderen Phobien bietet eine Verhaltenstherapie gute Aussichten, die Angst in den Griff zu bekommen. Die Behandlung startet nur anders: Im ersten Schritt müssen Betroffene wie Kästner lernen, nicht ohnmächtig zu werden. Denn Verhaltenstherapien gegen Phobien setzen auf Konfrontation. Spinnenphobiker betrachten Spinnenfotos und irgendwann berühren sie die Achtbeiner auch. Emetophobiker, die panische Angst vorm Erbrechen haben, sehen sich zum Beispiel Filmszenen an, in denen sich jemand übergibt. Doch diese Gewöhnung funktioniert ja nur, wenn der Betroffene die Situation bewusst erlebt.

Eine Kombination von Muskelanspannung und bewusster Atmung wirkt der Ohnmacht entgegen. "Ich war überrascht, wie gut das funktioniert", sagt Kästner. Anschließend habe sie sich in der Therapie Bilder und Videos von Spritzen angesehen, erzählt sie. Sie habe Spritzen ausgepackt, angefasst. Es sei die Spritze als Ganzes und insbesondere die Idee, etwas injiziert zu bekommen, die so furchterregend sei. Mit Nadeln hat sie als passionierte Näherin dagegen überhaupt keine Probleme.

Im Rahmen der Therapie konnte Kästner schließlich ihre Impfungen auffrischen lassen und zum Zahnarzt gehen. In einer Psychiatrie-Ambulanz konnte sie unter ärztlicher Aufsicht sogar das Setzen einer Spritze bei sich selbst üben: "Weil ich eine Gerinnungsstörung habe, muss ich mir zum Beispiel vor einer längeren Flugreise Heparin injizieren können."

Insgesamt war Kästner rund drei Jahre in Behandlung, ob es 60 oder 80 Therapiestunden waren, weiß sie nicht mehr genau. Ihre Krankenkasse habe zum Glück alle Kosten übernommen.

Täglich Heparin spritzen - Nach ihrer Therapie hat Kästner sogar etwas durchgestanden, was für Spritzenphobiker eine absolute Horrorvorstellung ist: "In der Schwangerschaft musste ich mir ab der achten Woche täglich Heparin injizieren." Das war nötig, um dem erhöhten Risiko eines Blutgerinnsels vorzubeugen.

Bis zu 80 Prozent der Spritzenphobiker, die zur Ohnmacht neigen, haben einen engen Verwandten, der ebenfalls eine übersteigerte Angst vor Spritzen hat, schreibt Jenkins in ihrem Fachartikel. Bei Kästner ist das nicht der Fall: "Ich bin die Einzige in einer großen Familie", sagt sie.

Es könnte daran liegen, dass sie mit zweieinhalb Jahren wegen einer Kehlkopfdeckelentzündung ins Krankenhaus musste. Die Infektion ist heute deutlich seltener geworden, weil Kleinkinder gegen den häufigsten Erreger - Haemophilus influenzae Typ b (Hib) - geimpft werden, das war in Kästners Kindheit noch nicht Standard.

Weil schlimmstenfalls das Ersticken droht, ist die Entzündung ein akuter Notfall. Sie erinnere sich nicht daran, aber ihre Eltern erzählen, sie habe viele Spritzen im Hals- und Kopfbereich bekommen. Sie vermutet, dieses Erlebnis war der Auslöser ihrer Phobie.

Ist sie geheilt? - "Nein", sagt Kästner. Vor der Therapie habe sie gedacht, die Furcht würde verschwinden. Aber dem ist nicht so. "Die Angst bleibt, aber ich habe gelernt, damit zu leben." Sie bereite sich auf Termine vor, bei denen sie eine Spritze brauche. Sie sagt: "Ich darf Angst haben. Ich darf auch beim Arzt weinen und schäme mich nicht mehr dafür." Das Ziel sei, nicht ohnmächtig zu werden. Und einen Arzt aufzusuchen, wenn es denn notwendig ist - trotz aller Angst.

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