GESELLSCHAFT


Wer das Alter gesund erleben will, muss mit fünfzig Geist und Körper fordern

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Baku, den 7. März (AZERTAG). Wer das Alter gesund erleben will, muss mit fünfzig Geist und Körper fordern. Jedes Mal passiert es wieder. Der Professor kommt ins Seminar und blickt in die Runde seiner Studenten. Er kennt die Gesichter, er sieht sie jede Woche. Die Studentin vorne links zum Beispiel, sie meldet sich bei Fragen fast immer als Erste. Und der Brillenträger hinten rechts spielt unter dem Tisch oft mit seinem Handy. Nur eines weiß der Professor nicht: wie all diese jungen Leute heißen. Am Ende des Semesters kennt er nicht einmal ein Drittel der Kursteilnehmer mit Namen.

Früher wäre dem Professor so etwas nicht passiert. Früher war der Professor aber auch nicht fast fünfzig. „Es hat mich schon erschreckt“, sagt Martin Korte, „dass mir etwas Probleme bereitet, dass ich vorher spielend konnte.“ Dabei kam die Erkenntnis für Korte nicht überraschend. Der Biologieprofessor, geboren 1964, pflegt als Spezialgebiet die Gedächtnisforschung. Er weiß: „Die Fünfzigermarke ist eine Schwelle, an der unsere Merkfähigkeit deutlich nachlässt.“

Mit zunehmendem Alter wird das Gehirn weniger stark durchblutet und mit Sauerstoff versorgt. Die Zahl der Zellen im Hirn schrumpft, die Weitergabe der Impulse verlangsamt sich. Dieser Abbauprozess beeinträchtigt besonders das Kurzzeitgedächtnis. Im Schnitt können 25-Jährige sich noch sieben Zahlen leicht merken, 55-Jährige bloß noch fünf.

Ein Grund dafür ist die nachlassende Fähigkeit, sich zu konzentrieren und Ablenkungen abzuwehren. So fällt es jüngeren Versuchsteilnehmern bei Experimenten relativ leicht, am Computer auch dann Aufgaben zu lösen, wenn die Bildschirmfarben wechseln oder Geräusche ertönen. Ihr Hirn filtert die Störsignale einfach heraus. Ältere Probanden dagegen lassen sich eher aus dem Konzept bringen, machen deshalb mehr Fehler oder benötigen mehr Zeit für die Lösung.

Gleichzeitig sinkt im Alter die Fähigkeit, gespeichertes Wissen abzurufen. Das liege nicht an der Größe des Speichers, meint Gedächtnisforscher Korte, „der ist so gut wie unbegrenzt“. Um Neues zu lernen, setzen die Jahre dem Menschen im Prinzip keine Grenze. Selbst Siebzigjährige können noch eine neue Sprache erlernen. Das Problem beim Erinnern dürfte eher sein, die spezifische Information – ein Gesicht, einen Buchtitel, ein bestimmtes Wort – aus der Menge der Erinnerungen abzurufen. Es ist wie das Auffinden eines Buchs in einer Bibliothek. Je größer der Bestand, desto mühsamer die Suche.

Das menschliche Gehirn wird oft mit einem Computer verglichen. Tatsächlich verliert der menschliche Denkapparat mit wachsenden Jahren an Rechengeschwindigkeit. Eines jedoch hat er einem alternden Computer voraus: Das Gehirn gleicht Verluste dadurch aus, dass es sein „Programm“ permanent verändert. Es kann seine Leistungsfähigkeit stellenweise sogar steigern.

In einer der umfangreichsten Studien über das kognitive Altern beobachten amerikanische Wissenschaftler um die Psychologin Sherry L. Willis seit über fünfzig Jahren mehr als 6.000 Teilnehmer. Alle sieben Jahre untersuchen sie deren geistige Fitness. Das Ergebnis der Seattle Longitudinal Study überraschte selbst die Forscher: Nur in zwei von sechs Testkategorien – bei der Reaktionsschnelligkeit und der Rechenfähigkeit – schnitten die älteren Jahrgänge schlechter ab. Ansonsten nahmen die Fähigkeiten mit dem Alter zu und hatten ihren Höhepunkt zwischen 55 und 60 Jahren. Die reiferen Probanden fanden beispielsweise mehr Synonyme für bestimmte Begriffe und taten sich leichter dabei, Informationen zu deuten und Zusammenhänge zu erkennen.

In der Lebensmitte entwickelt das Gehirn offenbar auch neue Stärken. Es vermag besser Informationen zu verknüpfen und Wichtiges vom Unwichtigen zu trennen. Der Psychologe Arthur F. Kramer von der Universität Illinois konnte das an Fluglotsen zeigen. Jüngere Lotsen reagierten in Routinesituationen schneller. Die Älteren dagegen waren im Vorteil, wenn Unvorhergesehenes passierte oder die Informationen vieldeutiger wurden.

Ihre „bessere Performanz in komplexen Situationen“ verdanken ältere Fluglotsen wahrscheinlich ihrer langjährigen Expertise, schreiben die Wissenschaftler im Journal of Experimental Psychology. Ähnliche Experimente gibt es mit Sekretärinnen. Während jüngere Bürodamen schneller tippen, ahnen ältere Kolleginnen aus vorherigen Diktiersitzungen, welcher Text als Nächstes folgt, und können so die fehlende Schreibgeschwindigkeit kompensieren.

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