GESELLSCHAFT


Wetterschwankungen und Meeresströmungen spielen bei Regulierung des Meereises größere Rolle

Baku, 16. Februar, AZERTAC 

Die Antarktis ist umschlossen von einem gewaltigen Meereisgürtel. Jedes Jahr Ende Februar, wenn Sommer auf dem Südkontinent ist, hat das Eis typischerweise seine geringste Ausdehnung erreicht, bevor es sich dann im antarktischen Herbst wieder ausdehnt. Doch so wenig Eis wie in diesem Jahr wurde noch nie gemessen. Das haben Daten des National Snow and Ice Data Center (NSIDC) in den USA ergeben.

Wie Satellitendaten zeigen, hatte es am 13. Februar eine Fläche von 2,28 Millionen Quadratkilometern (883015 Quadratmeilen). Das ist noch mal ein Stück kleiner als die 2,29 Millionen Quadratkilometer (884173 Quadratmeilen), die am 27. Februar 1997 gemessen wurden - der bislang niedrigste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen 1979.

Noch sind die Erkenntnisse nur vorläufig, betont Mark Serreze, Direktor der NSIDC. Man müsse noch einige Messungen abwarten, um sie durch weitere Daten zu bestätigen. "Aber wenn nicht noch etwas Ungewöhnliches passiert, dann stehen wir vor einem Negativrekord in der Antarktis. Viele glauben, dass er bereits eingetreten ist."

Trotz des Klimawandels und steigender Treibhausgaswerte sind die Daten der Forscher eine Überraschung. Denn entgegen des weltweiten Trends ist das Meereis der Antarktis in den vergangenen Jahren durchaus gewachsen - es schien weniger von der global gestiegenen Lufttemperatur abhängig zu sein.

Deshalb haben Skeptiker des Klimawandels die Eisausdehnung stets als Argument gegen einen Erwärmungseffekt angeführt. "Wir haben die Antarktis immer als schlafenden Riesen betrachtet, der irgendwann geweckt werden könnte. Vielleicht wird er gerade jetzt geweckt", so Serreze.

Doch ob tatsächlich der Klimawandel in der Antarktis Grund für den derzeitigen Schwund ist, bleibt unklar. Winde, lokale Wetterschwankungen und Meeresströmungen spielen bei der Regulierung des Meereises möglicherweise eine größere Rolle, glauben einige Forscher.

Schon im November war Wissenschaftlern ein Rückgang der Meereisdecke aufgefallen. Vermutlich hatten starke Westwinde das Eis vor dem Südkontinent zusammengeschoben und in niedrigere Breiten gepresst, wo es taute.

Doch auch weitere Ereignisse lassen auf einen Umbruch schließen. Jeden Augenblick etwa rechnen Experten mit dem Abbruch eines Eisbergs im Nordwesten des Kontinents. Vom Larsen-C-Schelfeis könnte ein riesiger, gut 5000 Quadratkilometer großer Eisbrocken abbrechen und ins Polarmeer stürzen - er entspricht ungefähr der doppelten Fläche des Saarlands. Das Larsen-C-Schelfeis würde mehr als zehn Prozent seiner Fläche verlieren. Ein sich immer weiter ausbreitender Spalt zieht sich durch das Eis, noch aber hält es zusammen.

Generell ist es kein ungewöhnlicher Vorgang, dass Gletscher kalben, wie es in der Fachsprache heißt, und Teile des Schelfeises, die auf dem Meer liegen, abbrechen. Doch in diesem Fall bringen NSIDC-Forscher die Ursache für den drohenden Abbruch auch mit den Folgen des Klimawandels in Verbindung. Eine Ursache könnte warmes Meerwasser sein, das den Eissockel von unten ausspült.

Auch die britische Forschungsstation "Halley VI" im östlichen Weddell-Meer war von kilometerlangen Rissen im Eis betroffen - über Jahre waren sie länger geworden und hatten immer näher an die Station herangereicht. Deshalb musste die aus acht Modulen bestehende Station ihren Standort verlegen und zog etwa 20 Kilometer weiter auf das Brunt-Schelfeis.

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