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Wie der Homo sapiens einst die Welt eroberte

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Baku, den 25. November (AZERTAG). Der moderne Mensch hat alle Kontinente besiedelt, doch rätseln Wissenschaftler noch, wie er das geschafft hat. Analysen von Schädeln, Genen und Klimadaten sollen helfen, die Wanderwege nachzuzeichnen.

Sie trotzten der Kälte. Hüllten sich in Tierfelle, saßen am Feuer. Ihre Zelte hatten die Menschen von Mal'ta aus Rentierhäuten gebaut, die sie über Gerüste aus Holzstangen und Geweihen warfen. So schützten sie sich in der Weite Sibiriens vor Wind, Staub und Kälte. Zwischen dem Baikalsee im Osten und dem Strom Jenissei im Westen jagten sie Wild und schnitzten Vogel- und Venusfiguren aus Holz, Elfenbein und Knochen.

Vor mehr als 20.000 Jahren hatte der moderne Mensch, Homo sapiens, sich in Mal'ta eingerichtet. Auch MA-1 lebte hier, ein Jugendlicher, dessen Skelett Archäologen vor Jahrzehnten nahe der Steinzeitsiedlung fanden. Heute liegt es in der Eremitage in Sankt Petersburg.

Aus seinen 24.000 Jahre alten Knochen konnten Forscher um Eske Willerslev und Maanasa Raghavan von der Universität Kopenhagen dank genetischer Analysen Überraschendes lesen. Der junge Mann aus Mal'ta trug klassische Merkmale von alt- und mittelsteinzeitlichen Jägern und Sammlern in seinem Erbgut.

Zudem gehört er zu einer Abstammungslinie, die nicht nur bei heute lebenden Europäern und westlichen Asiaten zu finden ist, sondern auch bei amerikanischen Ureinwohnern. Von östlichen Asiaten aber unterscheidet er sich genetisch. Die ersten Bewohner Amerikas hatten also Kontakt zu Menschen, die aus Zentralsibirien stammten.

Für Anthropologen ist dies eine kleine Sensation. Ihrer Theorie nach stammten die Menschen, die vor rund 16.000 Jahren über die Beringstraße nach Amerika zogen, aus Ostsibirien. Sie wanderten an der Ostküste Asiens entlang. Hier waren die Temperaturen erträglich und es gab genug Nahrung. Doch die Gene von MA-1 passen nicht zu dieser Theorie.

Die Forscher um Willerslev glauben nun, dass sich eine Gruppe bereits vor der großen Wanderung nach Amerika von den übrigen Bewohnern Ostsibiriens abgespalten hatte. Sie traf auf Menschen wie MA-1 in Zentralsibirien, mischte sich mit ihnen und zog dann wieder gen Osten und Norden, an der Küste entlang bis auf den neuen Kontinent.

Diese Vermischung lasse sich noch bei Knochen von Menschen nachweisen, die Tausende Jahre später das Land vor der Beringstraße bewohnten, schreiben die Forscher. Allerdings trügen nicht alle Erstbesiedler Amerikas zentralsibirische Spuren in ihrem Erbgut, sondern maximal 38 Prozent.

„Die Menschen aus der Region Mal'ta waren offenbar den Westeurasiern wesentlich ähnlicher als den Asiaten“, erklärt die Paläoanthropologin Katerina Harvarti von der Universität Tübingen. „Das beweist, dass es offenbar sehr viel Austausch zwischen den paläolithischen Populationen der Alten Welt gab.

Zudem klären sich durch die Studie einige offene Fragen, die wir zur Besiedelung der Neuen Welt hatten.“ Harvati hatte mit Kollegen prähistorische Schädel aus Südamerika untersucht und bei diesen entscheidende Unterschiede zu Schädeln anderer Ur-Amerikaner entdeckt. 2010 stellte das Team die Hypothese auf, dass Amerika in mindestens zwei Migrationswellen besiedelt wurde.

Erklärung für den „Kennewick Man“ - Ein Puzzleteil der frühen Besiedlung Amerikas ist der „Kennewick Man“. Im Hochsommer 1996 fanden zwei junge Männer seinen Schädel am Columbia River im US-Bundesstaat Washington. „Da er sehr europäisch aussah, hielt man den Kennewick Man anfangs für ein modernes Skelett“, erinnert sich Harvati. Doch das täuschte. Der Archäologe James Chatters konnte nachweisen, dass der Mann vor 7300 Jahren gelebt hatte.

Das Erstaunliche war: Er sah nicht aus wie die anderen Paläoamerikaner aus dieser Zeit – und er hatte auch wenig Gemeinsamkeiten mit den heute lebenden Amerikanern. „Anatomisch konnten Forscher mittlerweile zeigen, dass die Anatomie der Menschenschädel, die älter als 7000 Jahre sind und auf dem amerikanischen Kontinent gefunden wurden, wenig mit der Anatomie modernerer Amerikaner zu tun hat. Deshalb gehen wir mittlerweile davon aus, dass die Neue Welt in mindestens zwei Wellen besiedelt wurde“, erklärt Harvati.

Im vergangenen Jahr veröffentlichten Forscher um David Reich von der Harvard Medical School in Boston die bislang umfassendste Analyse zur genetischen Vielfalt amerikanischer Ureinwohner im Journal „Nature“. Sie kombinierten linguistische Erkenntnisse zu den Sprachen der Ureinwohner mit den Erbgut-Daten und kamen zu dem Schluss, dass Amerika sogar in mindestens drei voneinander unabhängigen Wellen besiedelt wurde. Eines ist also klar: Die Menschen der Steinzeit waren mobil.

Kulturelle Ursachen für Wanderungen? - Über die Gründe für ihre großen und weiten Wanderungen kann aber nur spekuliert werden. „Wahrscheinlich zogen die Menschen als Jäger und Sammler ihrer Nahrung hinterher“, erklärt Harvati.

Aber es könne auch kulturelle Gründe gegeben haben. „Nehmen Sie als Beispiel die Besiedelung Polynesiens.“ Vor 2000 bis 4000 Jahren besiedelten die modernen Menschen die Inselwelt. „Das hatte offensichtlich kulturelle Gründe. Der Sohn eines Häuptlings konnte selbst nur Häuptling werden, wenn er einen Teil der Gruppe davon überzeugen konnte, mit ihm zu einer neuen Insel oder Region zu ziehen. Durch solche kulturellen Bräuche wurde die Inselwelt besiedelt.“

Warum aber die früher lebenden Menschen der Steinzeit den langen Weg nach Amerika auf sich nahmen, bleibt offen. Vielleicht taten sie es, weil sie aus ihrer Heimat verdrängt wurden. Vielleicht wurde die Nahrung knapp. Vielleicht brachten kulturelle Bräuche sie dazu. Vielleicht aber taten sie es einfach deshalb, weil sie es dank ausgefeilter Jagd- und Überlebenstechniken konnten.

Die Besiedelung der Welt durch Homo sapiens nach rund 70.000 Jahren nachzuvollziehen, ist ziemlich kompliziert. Neue und kombinierte Methoden helfen Anthropologen dabei, bisher gültige Theorien zu prüfen – und gegebenenfalls über den Haufen zu werfen. Längst offenbaren nicht nur Knochen- oder Werkzeugfunde die Wege der paläolithischen Menschen.

Forscher analysieren inzwischen auch die Sprachen und Gene heute lebender Menschen, suchen im Blut nach Auffälligkeiten und ziehen Erkenntnisse über die Umweltbedingungen in der Steinzeit hinzu.

2011 etwa überraschten Forscher um Brenna Henn von der Universität Stanford mit neuen Erkenntnissen zur Wiege des modernen Menschen. Bis dahin galt Ostafrika wegen zahlreicher Fossilfunde als Entstehungsregion von Homo sapiens. Hier soll sich der moderne Mensch vor etwa 200.000 Jahren aus Homo erectus entwickelt haben. Henn bestimmte die Verteilung bestimmter Gene in 27 Gruppen heute lebender afrikanischer Stämme.

Es zeigte sich, dass heute lebende Jäger- und Sammler-Kulturen sich in ihrer DNA deutlich von Bauernvölkern in Afrika unterscheiden. Sie sind genetisch wesentlich vielfältiger als jedes andere afrikanische Volk.

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