WISSENSCHAFT & TECHNOLOGIE


Wissenschaft und Ausbildung Forscher widersprechen Dino-Abstammung der Vögel

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Baku, den 15. Juli (AZERTAG). Sind unsere Vögel doch keine direkten Nachfahren der Dinosaurier? Paläontologen kommen nach Analyse eines umstrittenen Fossils zu diesem Schluss. Die Studie belebt auch einen alten Streit. War die Entwicklung des Flugs ein Aufstieg - oder ein gebremster Fall?

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich habe mich in den letzten Jahren an den Gedanken gewöhnt, dass Vögel die Nachfahren flinker, zweibeinig laufender Raubsaurier sein sollen. In den letzten 25 Jahren hat sich die Theorie weitgehend durchgesetzt, dass der Vogelflug von gefiederten kleinen Räubern entwickelt wurde, die Federn erst anders nutzten (Wärmeisolation, Balzverhalten) und deren tragende Eigenschaften schließlich als evolutionären Vorteil „entdeckten“.

Die meisten Forscher gehen heute davon aus, dass der gefiederte Flug möglicherweise mehrfach entwickelt wurde, letztlich aber nicht der Gleitflug vom Baum herab, sondern das aktive Abheben vom Boden zur evolutionär erfolgreichen Entwicklungslinie der Vögel geführt habe. Stephen Czerkas vom Dinosauriermuseum in Blanding, im US-Bundesstaat Utah, und Alan Feduccia von der University of North Carolina widersprechen all dem nun im Fachmagazin „Journal of Ornithology“.

Sie haben sich das Fossil eines Scansoriopteryx (wahrscheinlich synonym mit Epidendrosaurus) aus den chinesischen Daohugou-Schichten mit neuen Methoden angesehen. Scansoriopteryx („kletternder Flügel“) wurde Anfang der Neunziger ausgegraben und 2002 erstmals wissenschaftlich beschrieben und klassifiziert: Fucheng Zhang von der Chinese Academy of Sciences in Peking und Kollegen ordneten das zierliche, nur sperlingsgroße Tier den Coelurosauriern zu.

Damit wurde Scansoriopteryx zum Teil der Indizienkette, die Vögel als letzten Abkömmling der Coelurosaurier interpretieren. Dieser inzwischen weitgehend den wissenschaftlichen Konsens repräsentierende Meinung zufolge entwickelten sich Vögel direkt aus den kleinen Maniraptora, für deren Federkleid es inzwischen zahlreiche fossile Belege gibt.

Die Baum-Boden-Frage - Nach digital-mikroskopischen Untersuchungen der Knochen von Scansoriopteryx, die Czerkas und Feduccia nutzten, um eine erste 3D-Visualisierung des Skeletts zu schaffen, kamen die Forscher jedoch zu einem ganz anderen Schluss: Scansoriopteryx, argumentieren sie, mag ja ein Vogel-Vorfahr gewesen sein. Nur ein Dinosaurier war er nicht, behaupten sie: Die Klassifizierung als Coelurosaurier sei falsch, in Wahrheit habe es sich bei Scansoriopteryx um einen Vertreter der Archosaurier gehandelt.

Archosaurier sind eine Gruppe innerhalb der Wirbeltiere, die vor der Entwicklung der Dinosaurier steht, sie gehören zu deren direkten Vorfahren. Auch Dinosaurier sind deshalb Teil dieser Gruppe, aber eben nicht jeder Archosaurier ist deshalb ein Dinosaurier. Heutige Vertreter dieser Gruppe sind beispielsweise Krokodile - und wenn Czerkas und Feduccia recht hätten, wären diese nun die nächsten Verwandten der Vögel, und nicht etwa Dinosaurier.

Wenn aber Vögel Nachfahren von Archosauriern seien, stellt das laut Czerkas und Feduccia auch die These von der Entstehung des Vogelflugs erneut infrage. Scansoriopteryx, davon geht man aus, war einer dieser an Armen und Beinen gefiederten kleinen Gleiter, die Baumstämme emporkletterten und sich von dort herabstützend segelnd fortbewegten und jagten. Der Vogelflug habe sich also nicht über „laufende Formen“ entwickelt, sondern sei „arboreal“ entstanden - also vom Baum herab.

All das leiten die Paläontologen daraus ab, dass die Detailuntersuchung des Scansoriopteryx ein „Fehlen grundlegender Dinosaurier-Eigenschaften“ gezeigt habe, zugleich aber deutlich ursprünglichere Nichtdinosaurier-Eigenschaften, im Verbund mit „vogelartigen Ausprägungen“. Scansoriopteryx sei folglich kein Dinosaurier, sondern ein Archosaurier auf dem Weg zum Vogel gewesen.

Ist die These von der Dino-Abstammung der Vögel damit vom Tisch? Wenn Czerkas und Feduccia recht haben, wirft es zumindest neue Fragen auf. Die „Boden oder Baum“-Frage ist noch lange nicht geklärt: Der fossile Befund hat in den letzten Jahren sowohl kleine, bodenjagende Theropoden mit Flügelansätzen erbracht, als auch Maniraptora, die offenbar eher baumbewohnende Gleiter waren.

Ring frei zur nächsten Runde? - Falls Scansoriopteryx wirklich ein Archo- und kein Dinosaurier gewesen sein sollte, heißt das noch nicht, dass das auch für andere Vogelahn-Kandidaten gegolten haben muss - dieser Nachweis wäre noch zu führen. Die Studienautoren führen hier erste Indizien an, die auch andere bisher als Dinosaurier verortete Spezies wie Microraptor infrage stellen: Sie halten etwa Merkmale des Hüftgelenks dieses kleinen Fliegers für Hinweise darauf, dass auch der ein Archo- und kein Dinosaurier gewesen sein könne.

Czerkas und Feduccias Studie ist also auf jeden Fall neues Futter für eine traditionsreiche Debatte. Die Diskussion über die Vogel-Herkunft ist eine der längsten und hitzigsten in der Geschichte der Paläontologie. Als erster sinnierte schon im Jahr 1858 der Evolutionstheoretiker Alfred Russel Wallace darüber. Zehn Jahre später war sich Thomas Henry Huxley da schon sehr sicher: Er verglich Archaeopteryx mit Compsognathus und konstatierte, dass Vögel aus kleinen Theropoden hervorgegangen sein müssten.

Noch aber fehlten fossile Belege dafür, dass Theropoden irgendwann Federn entwickelt hatten. Auch John Ostrom, der die Theorie ab Mitte der Sechziger mit Vergleichen der Merkmale von Vögeln und Theropoden belebte, musste bis Mitte der Neunziger warten, bis eine wahre Flut von gefiederten Fossilien in China gefunden wurde.

Spätestens seitdem ist es auch unter den meisten Paläontologen Konsens, dass Vögel das sind, was von der so arten- und formenreichen Gruppe der Dinosaurier übrig geblieben ist. Für die vehementesten Fürsprecher dieser These sind die Dinos darum nie ausgestorben - sie fliegen noch heute.

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