GESELLSCHAFT


Zahl der menschlichen Zellen im Körper lässt sich ganz grob schätzen

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Baku, 30. Januar, AZERTAC

Wir gegen die: Der menschliche Körper beherbergt zehnmal so viele Bakterien wie Zellen - hieß es lange. Nun haben Forscher nachgezählt. Sie meinen: Zumindest kurz nach einem Toilettengang könnten wir der Sieger sein.

Jeder Mensch ist eine Minderheit - im eigenen Körper. Davon gingen Wissenschaftler jedenfalls die vergangenen Jahre aus: Auf eine menschliche Körperzelle kämen mindestens zehn Bakterien, die in uns hausen, hieß es. Nun haben drei Forscher genauer nachgezählt und sind zum Schluss gekommen, dass das Verhältnis doch ausgeglichen ist: Demnach steht es etwa 1:1, zu manchen Zeiten können sogar die menschlichen Zellen die Oberhand gewinnen.

Das Team um Ron Milo vom Weizmann Institute of Science im israelischen Rehovot beziehen sich in ihren Berechnungen hauptsächlich auf einen 70 Kilogramm wiegenden Mann. Er hat demnach um die 3*1013 Körperzellen - also rund 30 Billionen beziehungsweise 30.000.000.000.000.

Und er beheimatet circa 3,9*1013 Bakterien. Weil Bakterien im Schnitt viel kleiner sind als Körperzellen, machen die Mikroorganismen allerdings nur einen winzigen Anteil der Körpermasse aus.

Für jahrzehntelange Nutzung ungeeignet - Die alte 1:10-Schätzung, schreiben die Forscher im Fachblatt "Cell", lässt sich auf einen Fachartikel von 1972 zurückverfolgen. Dort hatten Forscher geschätzt, dass ein Mensch über rund einen Liter Volumen im Verdauungstrakt verfügt, wobei in jedem Gramm 100 Milliarden Bakterien leben.

Es sei ein Beispiel für eine elegant vorgenommene Schätzung, die aber sicher nicht dafür gedacht war, noch Jahrzehnte später von vielen genutzt zu werden, schreiben sie (hier findet sich eine Vorabversion der Studie).

Milo und Kollegen sammelten neue Literaturangaben zur Anzahl der Bakterien in den verschiedenen Darmabschnitten, auf der Haut, im Speichel, im Zahnbelag und im Magen - das sind die Bereiche, in denen die Mitbewohner vor allem zu finden sind. Die überwältigende Mehrheit von ihnen findet sich im Dickdarm. Jeder Milliliter darin enthält knapp 1011 Mikroorganismen. Das innere Volumen des Dickdarms liegt nach ihren Angaben bei rund 400 Millilitern. Woraus sich die Zahl von 3,9*1013 Bakterien ergibt. Alle anderen im und auf dem Menschen lebenden Bakterien seien von der Zahl her vernachlässigbar, es seien nämlich höchstens 1012.

Winzige Blutkörperchen, gewaltige Fettzellen - Die Zahl der menschlichen Zellen im Körper lässt sich ganz grob schätzen, wenn man das Körpergewicht durch das Gewicht einer durchschnittlichen Zelle teilt. Das hat allerdings den Haken, dass sich Zellgrößen und damit auch Zellmassen gewaltig unterscheiden. Die Forscher haben deshalb auf Daten zurückgegriffen, bei denen die häufigsten Zellarten jeweils einzeln betrachtet und genauer geschätzt wurden.

Die Mehrheit stellen tatsächlich winzige Leichtgewichte: Die roten Blutkörperchen, deren Aufgabe es ist, den Sauerstoff im Blut zu transportieren, stellen 70 Prozent der Körperzellen - und sind sehr klein, schließlich müssen sie auch durch die winzigsten Gefäße passen. Die nächsthäufigsten Zellen kommen nur auf zwei bis acht Prozent, darunter sind die Blutplättchen, die Knochenmarkzellen, die zum Nervengewebe gehörenden Gliazellen sowie Hautzellen. Die restlichen 50 Zelltypen machen nur drei Prozent aus, schreiben die Forscher unter Berufung auf eine Studie von 2013. Fett- und Muskelzellen stellen demnach zusammen nur rund 0,1 Prozent der Zellzahl, aber - im Durchschnittsmann - drei Viertel der Zellmasse. Milo und Kollegen kommen schlussendlich auf rund 3*1013 Körperzellen. Und damit nur noch zu einer geringen zahlenmäßigen Überlegenheit der Bakterien im menschlichen Körper.

Womit wir zu einer weiteren Zahl kommen, die sie nennen: Die Mikroorganismen machen rund 55 Prozent der Trockenmasse des Stuhls aus. Anders formuliert: Bei jeder Darmentleerung wird etwa ein Drittel der dort lebenden Bakterien ausgeschieden. Und für kurze Zeit sind möglicherweise die menschlichen Zellen im Körper doch in der Mehrzahl.

Zum Abschluss haben sich die Forscher noch angeschaut, wie das Zahlenverhältnis jenseits vom 70-Kilogramm-Mann aussehen könnte: Da Frauen im Schnitt ein etwa 20 bis 30 Prozent geringeres Blutvolumen sowie eine geringere Konzentration von roten Blutkörperchen haben, dürften die Bakterien hier eine deutlichere Mehrheit haben. Denn das Dickdarm-Volumen unterscheide sich nicht wesentlich.

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