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Zentrum der Textilproduktion im südlichen Afrika

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Baku, den 12. Oktober (AZERTAG). Als billige Kleidung aus Asien die Märkte überschwemmte, wurden in Lesotho Tausende Arbeiter arbeitslos. Nun ist das kleine Königreich im Süden Afrikas zurück auf dem Weltmarkt. Mit menschenwürdiger Produktion ist das Land das Gegenmodell zu Bangladesch.

Morgens um halb acht sind die Straßen voll. Fußgänger drängeln sich durch Staus, Minitaxis schieben sich aus der Stadt. In den Industriegebieten von Maseru ist mächtig Betrieb. Maseru ist die Hauptstadt Lesothos, eines kleinen Bergkönigreichs, das vollständig von Südafrika umschlossen und etwa so groß wie Brandenburg ist. Es ist auch das Zentrum der Textilproduktion im südlichen Afrika.

Lesotho hat sich auf den Handel mit ethisch korrekter Kleidung spezialisiert. In den Fabriken von Maseru werden höhere Löhne gezahlt als in asiatischen Ländern, es gibt Gewerkschaften, Kontrolleure und Schutzmasken. Mit besseren Arbeitsbedingungen will das Land eine Marktlücke füllen - und damit weltweit zu einem Vorbild werden.

Lange war Lesothos einziger Exportschlager Wasser für das Nachbarland Südafrika. Ende der neunziger Jahre entstand die Textilindustrie. 2005 aber lief das jahrzehntealte Multifaserabkommen der Welthandelsorganisation aus. Nach dem Fall dieser Handelsbeschränkung überschwemmte billige Kleidung aus Asien die Märkte, in Lesotho schlossen viele Fabriken.

„Die Löhne in asiatischen Ländern sind niedriger, vor allem aber ist die Infrastruktur für den Export dort besser“, sagt Gay Seidman von der Universität Wisconsin in den USA. Seidman hat Lesothos Textilindustrie untersucht.

Lesotho ist ein kleines Königreich im Gebirge, es gibt keinen Hafen, nur wenige Straßen und einen kleinen Flughafen. Das Land spezialisiert sich deshalb darauf, sozial verträgliche Kleidung zu produzieren. „Die Idee dazu ist entstanden, um konkurrenzfähig zu sein und eine Nische zu besetzen“, sagt Seidman.

2008 haben die Besitzer von Lesothos Textilfabriken einstimmig entschieden, gemeinsam höhere Standards für die Arbeitsbedingungen einzuführen. Statt Kosten zu sparen, um möglichst billig zu produzieren, entschlossen sie sich, mit der Regierung, den Gewerkschaften und der Internationalen Arbeitsorganisation zusammenzuarbeiten. Damit entwickelt sich das Land zum Gegenmodell von Bangladesch und anderen asiatischen Staaten. Immer wieder geraten Produzenten dort wegen schlechter Arbeitsbedingungen in die Schlagzeilen, zuletzt im Frühjahr nach dem Einsturz einer Fabrik mit mehr als tausend Toten.

Arbeitsgesetze entsprechen internationalen Standards - In Lesotho verdient ein ungelernter Arbeiter in einer Textilfabrik mindestens 833 Maloti im Monat, rund 63 Euro. In Bangladesch sind es 29 Euro. Höchstens 45 Stunden wird pro Woche gearbeitet mit maximal elf bezahlten Überstunden. Kinderarbeit ist verboten, Gewerkschaften werden gefördert. Die Regierung hat strenge Arbeitsgesetze erlassen, die internationalen Standards entsprechen.

Vor drei Jahren wurde „Better Work Lesotho“ von der Internationalen Arbeitsorganisation und einer Weltbank-Tochter gemeinsam gegründet. Die Organisation hat seither mit der Hälfte der Fabriken Verträge geschlossen. „Better Work“ darf dann unabhängige Beobachter schicken, um Firmenbesitzer zu beraten und die Arbeitsbedingungen zu kontrollieren. Gewerkschaften in Lesotho bestätigen, dass sich die Bedingungen seither deutlich verbessert hätten.

Nach dem Einbruch ist die Textilindustrie in jüngster Zeit wieder gewachsen. Sie trägt rund 20 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt Lesothos bei und ist der größte Arbeitgeber des Landes. 40.000 Menschen sind in den Fabriken beschäftigt in dem Land, das nur zwei Millionen Einwohner hat. Lesotho ist einer der größten Textilproduzenten Afrikas.

„Kunden sind heute mächtiger und kritischer als je zuvor“ - Große US-Firmen wie „Levi Strauss“ und „Wal-Mart“ lassen Teile ihrer Kollektionen in Lesotho herstellen. Die amerikanische Modemarke „Levi Strauss“ arbeitet seit 2004 mit Subunternehmern in Lesotho zusammen. Die Entscheidung sei gefallen, weil die Firmen dort die Expertise und die Bereitschaft gezeigt hätten, sich hohen Standards zu verpflichten. Denn immer öfter würden Käufer nach der Herkunft fragen, erklärt eine Sprecherin des Unternehmens. „Kunden sind heute mächtiger, kritischer und informierter als je zuvor“, sagt sie. Die massiv steigende Nachfrage nach Kleidung, die sozial und ökologisch verträglich produziert wurde, bestätige das.

Trotz aller Bemühungen gibt es aber auch in Lesothos Fabriken noch Schwierigkeiten. Dem jüngsten „Better Work“-Bericht zufolge würden - ähnlich wie in Bangladesch, wenn auch weniger gravierend - vor allem Vorgaben zur Arbeitssicherheit nicht eingehalten. Von den 14 jüngst überprüften Fabriken waren zwar bei zwölf Gebäuden die Fluchtwege gut ausgeschildert, nur drei Fabriken hatten allerdings genügend Notausgänge für alle Mitarbeiter. Nur in einer Fabrik waren Brandmelder installiert. Zwar wurde nur eine als mit Arbeitern überfüllt eingestuft, bei sechs bemängelte „Better Work“ aber die Belüftung.

Verbale Einschüchterungen durch die Vorgesetzten gebe es noch in den meisten Fabriken. Manche Gewerkschaften rechnen außerdem vor, dass der Mindestlohn eigentlich bei 141 Euro liegen müsste um davon leben zu können.

Die Organisation „Better Work“ hat deshalb bereits ihr Trainingsangebot für Fabrikbesitzer erweitert. Zu den zweitägigen Kursen gibt es nun Seminare über Evakuierungen und den Umgang mit dem Personal.

 

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