GESELLSCHAFT


Aids sollte eigentlich bis zum Jahr 2030 besiegt sein, dann kam Coronavirus

Baku, 7. Juli, AZERTAC

Eine Infektion mit HIV galt einst als sicheres Todesurteil, mittlerweile kann man die Viruserkrankung gut behandeln. In rund zehn Jahren sollte die HIV/Aids-Epidemie daher eigentlich als besiegt gelten - dieses Ziel hatte sich die Weltgemeinschaft gesteckt. Doch das ist weit gefehlt, berichtete die Uno-Organisation für HIV/Aids UNAIDS zum Auftakt der virtuellen Welt-Aids-Konferenz.

Neue Programme, Initiativen und Investitionen sollten demnach dazu beitragen, dass die Zahl der Neuinfektionen die Marke von 500.000 nicht übersteigt. Schätzungen zufolge steckten sich im vergangenen Jahr jedoch rund 1,7 Millionen Menschen weltweit mit dem Virus an.

"Die Coronavirus-Pandemie droht, uns noch weiter vom Kurs abzubringen", sagte UNAIDS-Exekutivdirektorin Winnie Byanyima in Genf. Wachsende Armut durch den Stillstand der Wirtschaft führe zu zunehmender häuslicher Gewalt und gefährde vor allem Mädchen und junge Frauen: Sie treibe Menschen in prekäre Situationen, in denen das Risiko einer HIV-Infektion steige, sagte Byanyima.

"Die Welt hat zu wenig investiert"

Infizierte könnten zudem teils nicht zu Ärzten gehen, heißt es in dem Bericht, der der Deutschen Presse-Agentur vorab vorlag. Auch sei die Kondomproduktion eingeschränkt. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) laufen 73 Länder bereits Gefahr, dass ihnen die Vorräte an HIV-Medikamenten ausgehen. 24 Länder hätten schon große Nachschubprobleme oder fast leere Lager gemeldet. In diesen 24 Ländern lebe ein Drittel der Menschen, die die wichtige antiretrovirale Therapie erhalten.

Wenn die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten nur für 20 Prozent der HIV-Infizierten für sechs Monate unterbrochen werde, führe das zu 110.000 zusätzlichen Todesfällen, so UNAIDS. Eric Goemaere von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen in Südafrika bezeichnete das als inakzeptabel: "Wir dürfen wegen der Covid-19-Pandemie bei der HIV/Aids-Epidemie keinen Rückzieher machen."

Es gebe Fortschritte, aber sie seien ungleich verteilt, sagte Byanyima. In Osteuropa, Zentralasien und Lateinamerika sowie im Nahen Osten und Nordafrika sei die Entwicklung nicht gut. Dennoch glaube sie, dass das Ziel, die Epidemie bis 2030 zu beenden, mit neuen Anstrengungen noch erreicht werden könne. Ein gutes Beispiel sei das kleine Königreich Eswatini (früher: Swasiland) im südlichen Afrika. Das Land mit rund einer Million Einwohner reduzierte die Zahl der Neuinfektionen von rund 13.000 im Jahr 2010 auf 6500 im Jahr 2019, wie Ministerpräsident Ambrose Dlamini sagte.

Zu den Fortschritten zähle auch, dass 2019 dreimal so viele Menschen wie 2010 mit einer antiretroviralen Therapie behandelt wurden, heißt es in dem Bericht. Ende vergangenen Jahres waren das 25,4 Millionen der weltweit schätzungsweise 38 Millionen HIV-Infizierten. 690.000 Menschen starben 2019 an den Folgen ihrer Infektion, 39 Prozent weniger als 2010 - aber deutlich mehr als für 2020 angepeilt: Es sollten in diesem Jahr nur noch 500.000 Infizierte sterben, so das Ziel. Die Zahl der Neuinfektionen, 1,7 Millionen, war 2019 so niedrig wie seit 1989 nicht mehr.

Dennoch reiche das nicht. "Die Welt hat zu wenig investiert, zu wenig Menschen Zugang zu Behandlungen verschafft und dabei versagt, die Kurven mit neuen HIV-Infektionen und Todesfällen im Zusammenhang mit Aids bedeutend abzuflachen", heißt es in dem Bericht. 2019 hätten nur gut zwei Drittel der finanziellen Mittel für Aufklärung und Behandlung zur Verfügung gestanden. "Dieses kollektive Versagen (...) hat einen hohen Preis: Zwischen 2015 und 2020 hat es 3,5 Millionen mehr Infektionen und 820.000 mehr Todesfälle mit Bezug zu Aids gegeben, als es der Fall wäre, wenn die Welt im Plan gewesen wäre, um die Ziele für 2020 einzuhalten."

In Deutschland gehen die HIV-Infektionen Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge leicht zurück: Im Jahr 2018 steckten sich demnach etwa 2400 Menschen neu mit HIV an. Seit 2015 empfehlen die HIV-Behandlungsleitlinien, jede diagnostizierte HIV-Infektion in Deutschland umgehend antiretroviral zu therapieren. Die Empfehlung, Kondome zu benutzen, bleibt weiter ein Grundpfeiler der Prävention von HIV und weiteren sexuell übertragbaren Infektionen.

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