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Arbeiten bis zum Umfallen

Exzessives Arbeiten ist eine Sucht. Der Grund: Bei der Arbeit unter Stress produziert der Körper Adrenalin, das bei permanenter Belastung zur Droge wird. Das führt zum Burnout - der Körper macht schlapp und ist völlig ausgebrannt. Eine Selbsthilfegruppe kann beim Entzug helfen.

Dass die tägliche Arbeit im Beruf zur Sucht werden kann, hat die Stuttgarter Lehrerin Daniela Vogel (Name geändert) am eigenen Leib erfahren. Viele Jahre lebte die heute 56-jährige Pädagogin fast ausschließlich für ihre Schule. Eines Tages kam sie kraftlos und ausgebrannt in die Praxis ihres Hausarztes, der sie kurzerhand für vier Wochen krankschrieb. In dieser Zeit fing Vogel an, nach den Ursachen ihrer totalen Erschöpfung zu forschen. Bei einem Streifzug im Internet stieß die Lehrerin auf die Anonymen Arbeitssüchtigen (AAS) und erkannte ihr Problem.

Das Hormon Adrenalin, das der Körper der 56-Jährigen bei jeder Arbeit unter Hochdruck ausgeschüttet hatte, wurde zur körpereigenen Droge. Ganz allmählich und völlig unbemerkt war die ehrgeizige Lehrerin davon abhängig geworden.

Eine Liste einschlägiger Symptome der Arbeitssucht auf der AAS-Homepage traf überwiegend auf die angeschlagene Frau zu: Oft hatte sie bis zur völligen Erschöpfung gearbeitet, verzettelte sich dabei immer wieder, verlor das Wesentliche aus dem Blick. «Vor lauter Arbeit hatte ich keine Zeit mehr für Familie, Freunde und auch nicht mehr für mich selbst», sagt die Lehrerin. Ihre Gesundheit war ihr nahezu egal.

Rückfälle passieren: Die Gruppe orientiert sich an den «Zwölf Schritten», die ursprünglich von den Anonymen Alkoholikern entwickelt und später auch für andere Süchte angewandelt wurden. Sie beschreiben den Weg von der Erkenntnis der eigenen Abhängigkeit zur Genesung. Ziel: ein gesundes Verhältnis zur Arbeit. An den regelmäßigen Treffen nehmen nur Betroffene teil, keine Psychologen. So lauschte die Lehrerin zunächst den Berichten ihrer Leidensgenossen, bis ihr die Tränen kamen. Spontan fand sie das Vertrauen, auch ihre Geschichte zu erzählen und fühlte sich verstanden.

«Ich habe in dieser Zeit sehr viel über mich und mein Problem gelernt, Fortschritte gemacht und Freunde gewonnen», sagt die 56-Jährige. Mit der Zeit lernte sie, stressfreier zu leben und trainierte schrittweise ein gesundes Arbeitsverhalten. Nach mehr als einem Jahr reduzierte sich der Besuch der AAS-Meetings auf die Schulferienzeit. Kleinere Rückfälle blieben jedoch nicht aus. Wenn die Lehrerin merkte, dass die alten Verhaltensmuster durchkamen, ging sie wieder wöchentlich ins Meeting.

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