GESELLSCHAFT


Eisschild Grönlands schwindet 13 Mal schneller als noch in den Neunzigern

Baku, 11. Dezember, AZERTAC

Der schmelzende Eisschild Grönlands hat den weltweiten Meeresspiegel seit 1992 bereits um 1,06 Zentimeter steigen lassen. Das zeigt eine Untersuchung, die sich auf 26 verschiedene Satellitenmessreihen stützt. Eine Gruppe von 96 Wissenschaftlern von 50 internationalen Organisationen hat die Daten ausgewertet und die Ergebnisse in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlicht.

Von 1992 bis 2018 sind in Grönland demnach etwa 3800 Milliarden Tonnen Eis geschmolzen und ins Meer geflossen. Setze sich der Trend fort, könnte das schmelzende Grönlandeis bis 2100 zu Überschwemmungen weltweit beitragen, die Hunderte Millionen Menschen treffen.

Die Forscher um Andrew Shepherd von der University of Leeds in Großbritannien haben unter anderem die Höhe der Gletscher in Grönland und deren Fließgeschwindigkeit ermittelt. In mathematischen Modellen bestimmten sie anschließend, wie sich die Eisschmelze auf die Stabilität des grönländischen Eisschilds insgesamt auswirkt. Nach Angaben der Forscher ist so das bisher vollständigste Bild des grönländischen Eisverlusts entstanden.

Die Messreihen zeigen die Veränderungen des Eises seit Anfang der Neunzigerjahre im Detail:

- Demnach flossen von 1992 bis 1997 jährlich etwa 18 Milliarden Tonnen Eis ins Meer.

- Zwischen 2012 bis 2017 lag der Wert bei 239 Milliarden Tonnen jährlich - das ist etwa 13-mal so viel wie zu Beginn der Messreihe.

- Zwischendurch war die Rate sogar noch höher, mit dem Höhepunkt im Jahr 2011, als 335 Milliarden Tonnen Eis abschmolzen.

Durch Veränderungen der Luftdruckverhältnisse über dem Nordatlantik habe sich der Verlust ab 2012 abgeschwächt, schreiben Shepherd und Kollegen.

20 Zentimeter Meeresspiegelanstieg allein durch Schmelze in Grönland - Etwa 52 Prozent des Eisverlustes gehen laut Studie darauf zurück, dass Eis an der Oberfläche der Gletscher geschmolzen ist. Die übrigen 48 Prozent gingen verloren, weil die Fließgeschwindigkeit der Gletscher zugenommen hatte und dadurch größere Eismengen ins Meer gelangt sind, so die Forscher.

Die Schmelze entspreche Szenarien, die der Weltklimarat (IPCC) für den Fall eines schnellen globalen Temperaturanstiegs prognostiziert hat. Bei andauernder Entwicklung könnte das schmelzende Grönlandeis demnach bis 2100 etwa 20 Zentimeter zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen, schreibt das Team.

"Nach den aktuellen Trends werden durch das Abschmelzen des Eises in Grönland gegen Ende des Jahrhunderts jedes Jahr hundert Millionen Menschen von Überschwemmungen betroffen sein", sagt Shepherd. Berücksichtige man außerdem den Eisverlust in der Antarktis, könnten es sogar 400 Millionen sein.

Das Grönlandeis entspricht gerade mal etwa zwölf Prozent des Antarktiseises, schmilzt aber schneller. Würde alles Eis von Grönland verschwinden, läge der weltweite Meeresspiegel um 7,40 Meter höher.

Der Eisverlust in der Region könnte schon bald wieder zunehmen. Die Hauptautorin des nächsten IPCC-Reports, Guðfinna Aðalgeirsdóttir von der Universität Island, hat in ihrem Heimatland in diesem Sommer ein stärkeres Abschmelzen der Gletscher beobachtet als in den vergangenen Jahren. "Ich erwarte einen ähnlichen Anstieg des Masseverlusts in Grönland", sagt sie.

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