GESELLSCHAFT


WHO spricht sich gegen Einsatz des Mittels bei Covid-19-Patienten im Krankenhaus aus

Baku, 20. November, AZERTAC

Geht es nach der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sollten Covid-19-Patienten nicht mehr mit dem zunächst vielversprechend scheinenden Medikament Remdesivir behandelt werden. Das Medikament habe »keinen entscheidenden Einfluss« auf die Überlebenswahrscheinlichkeit, teilte die Organisation mit. Remdesivir ist eines von wenigen Mitteln, die Ärzten bei der Behandlung von Covid-19 zur Verfügung stehen.

Die internationalen Experten des WHO-Gremiums für Leitlinien-Entwicklung (GDG) stützten ihre neue Empfehlung auf vier internationale Studien. Diese enthalten Daten von mehr als 7000 Krankenhauspatienten, die sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert hatten.

Den Ergebnissen zufolge gebe es aktuell keinen Nachweis dafür, dass eine Behandlung mit Remdesivir die Sterblichkeit reduziere, vor einer künstlichen Beatmung schütze oder die Zeit im Krankenhaus verkürze, so die WHO. Dabei spiele es keine Rolle, wie schwer die Covid-19-Erkrankung sei.

Die Experten räumen in der Fachzeitschrift »British Medical Journal« (BMJ) jedoch auch ein, dass ihre Empfehlung nicht bedeute, dass Remdesivir absolut keinen Vorteil für Patienten bringe. Der Ratschlag beruhe stattdessen auf einer Abwägung zwischen den Daten zu Wirksamkeit, Behandlungskosten und Verabreichungsmethoden. Es sei zudem noch nicht ausgeschlossen, dass das Medikament auch Schaden anrichten könnte.

Erstes in Europa zugelassenes Corona-Medikament: Die US-Arzneimittelbehörde FDA hatte Remdesivir im vergangenen Monat zur Behandlung von Covid-19-Patienten offiziell zugelassen, das Mittel hatte zuvor bereits eine Notfallzulassung. Auch in Europa erhielt Remdesivir Anfang Juli als erstes Mittel überhaupt eine Marktzulassung für die Therapie von Covid-19-Patienten. Die Zulassung ist jedoch zunächst auf ein Jahr begrenzt und gilt nur für bestimmte, schwer erkrankte Patienten. Sie kann jederzeit zurückgezogen werden.

Die europäischen Behörden hatten ihre Entscheidung im Juli vor allem auf eine Studie mit mehr als 1000 Patienten gestützt, die im »New England Journal of Medicine« veröffentlicht worden war. Demnach verkürzte das Medikament die Zeit, bis sich der Zustand eines Patienten im Krankenhaus deutlich verbesserte, im Vergleich zu einem Placebo im Schnitt von 15 auf 11 Tage.

Dem entgegen stehen die Ergebnisse der sogenannten Solidarity Trial der WHO, für die Ärzteteams aus der ganzen Welt Daten über die Wirksamkeit möglicher Covid-19-Mittel beisteuern. In die Analysen waren Informationen von mehr als 11.000 Patienten aus rund 400 Krankenhäusern eingeflossen. Demnach brachte keines der vier getesteten Wirkstoffe den erhofften Erfolg, auch Remdesivir nicht.

Von 2743 Patienten, die mit Remdesivir behandelt wurden, starben elf Prozent. In der etwa ebenso großen Vergleichsgruppe, in der die Patienten nicht mit dem Mittel behandelt wurden, waren es 11,2 Prozent. Remdesivir-Hersteller Gilead zweifelt jedoch an der Aussagekraft der Studie. Da Ärzteteams weltweit teilnehmen könnten, seien Abweichungen bei der Durchführung, Kontrolle und den ausgewählten Patienten zu erwarten, erklärte der Konzern Mitte Oktober.

Remdesivir wurde ursprünglich für die Behandlung von Ebola entwickelt, konnte den Patienten aber auch bei dieser Krankheit kaum helfen. Das Medikament soll verhindern, dass Viren die menschlichen Zellen dafür nutzen, ihr Erbgut nachzubauen. Ohne Hilfe der Zellen können sich die Erreger nicht vermehren. Das Mittel wird per Infusion verabreicht, die Therapie dauert zwischen fünf und zehn Tagen.

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