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28 Länder in Afrika werden ihre Bevölkerung in den kommenden 35 Jahren verdoppeln

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Baku, 31. Juli, AZERTAC

Insofern ist es nicht so, dass die neuen Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung auf der Erde zwingend eine Katastrophe vorhersagen. Zu den aktuell 7,3 Milliarden Menschen werden demnach bis zur Mitte dieses Jahrhunderts weitere 2,4 Milliarden hinzukommen. Das entspricht dem absoluten Zuwachs seit dem Ende der Achtzigerjahre und sollte - rein numerisch gesehen - zu schaffen sein.

Doch es spricht auch viel dagegen. Zunächst die bereits heute gravierende Knappheit lebenswichtiger Ressourcen. Von vielen hat man bereits gehört: von rar werdenden Anbauflächen, von fehlendem Trinkwasser, von knappen Industriemetallen oder auch vom Mangel an sauberer Luft in den Metropolen Asiens. Anderes mag überraschen. So ist zum Beispiel Sand - ja Sand, der Hauptbestandteil von Beton und Mörtel - bereits ein global umkämpftes Gut. Wüstensand taugt nicht als Baustoff, weshalb riesige Schiffe mit Saugrüsseln Millionen Tonnen Sand an den Küsten abgraben, oft sogar rauben. Ähnliches gilt für scheinbar unbegrenzt vorhandene Rohstoffe wie Kupfer. Würden sämtliche Chinesen den Wohnstandard der Amerikaner erlangen, wäre das gesamte Kupfer für Dächer und Stromleitungen aufgebraucht, das weltweit im konventionellen Bergbau verfügbar ist.

Es ist also bereits heute eng auf dem Planeten. Die natürlichen Ressourcen sind überbeansprucht. Dass alle Menschen auf der Erde den in den westlichen Industrienationen üblichen Wohlstand erlangen werden, ist ausgeschlossen - erst recht, wenn weitere Milliarden Erdbewohner hinzukommen.

Die Frage ist daher, ob die Weltgemeinschaft den Zustand - und eine Zunahme - massiver Ungleichheit auf Dauer ertragen wird. In dieser Hinsicht wirken die Details der aktuellen Bevölkerungsprognosen geradezu schockierend: 28 Länder in Afrika werden ihre Bevölkerung in den kommenden 35 Jahren verdoppeln. Bis 2100 soll der Kontinent 4,4 Milliarden Menschen beherbergen - so viele, wie 1980 auf der gesamten Erde wohnten. Und das ausgerechnet in Afrika, wo der Klimawandel sich auf dramatische Weise zeigt und das sowieso schon karge Ackerland zunehmend verdorrt. Man muss kein Orakel befragen, um zu ahnen, dass die heutigen Flüchtlingsströme nur Vorboten künftiger Migrationswellen sind.

Einfache Rezepte gegen das in armen Erdteilen weiter explosive Bevölkerungswachstum gibt es nicht. Die Ein-Kind-Politik Chinas hat die Kehrseite einer allzu simplen, politisch verordneten Lösung gezeigt: eine heillos überalternde Gesellschaft. Abgesehen davon, sind solche Eingriffe mit den Prinzipien von Demokratie und Freiheit unvereinbar.

Gleichzeitig verpflichtet die globale Situation auch jene reichen Staaten zum Handeln, die paradoxerweise in den kommenden Jahrzehnten mit einem Schwund ihrer Bevölkerung umgehen müssen. Die Unterstützung ärmerer Länder beim Bremsen ihres Wachstums wäre nicht Entwicklungshilfe aus Mitleid wie in der Vergangenheit üblich. Es wäre purer Eigennutz. Aufklärung über Verhütung ist selbstverständlich sinnvoll, ebenso wie Verhütungsmittel verfügbar zu machen. Besonders wichtig ist es, die Stellung der Frauen dort zu stärken, wo sie ein Leben als Gebärmaschinen fristen.

All dies setzt jedoch voraus, dass Familien nicht mehr auf Nachkommen für die Altersversorgung angewiesen sind. Um dieser existenziellen Not zu entrinnen, muss es gelingen, in ärmeren und ärmsten Regionen der Erde nachhaltige, sich selbst tragende Solidargemeinschaften zu knüpfen. Das im Westen übliche System der Kredite und Versicherungen muss weltweit für Kleinstunternehmer zugänglich werden, ja sogar für einen Bauern mit einer Handvoll Ziegen. Nur wenn er darauf vertrauen kann, eine Katastrophe abwettern zu können, beispielsweise den Verlust seiner Herde in einer Flut, wird er über ein Leben nachdenken, das nicht mehr zwingend ein halbes Dutzend Kinder vorsieht.

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