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Afrikanische Ureinwohner widerlegen Experten

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Baku, den 18. Juli (AZERTAG). Zahlreiche Spekulationen ranken sich um Höhlenbilder in den Pyrenäen. Doch auch Spuren am Boden sind mysteriös. Sie werden jetzt von Menschen gedeutet, die davon wirklich etwas verstehen.

Die steinzeitlichen Höhlen in den Pyrenäen sind vor allem für ihre großartigen Wandbilder von Bisons, Rentieren, Höhlenbären und eiszeitlichen Jägern bekannt. Zahllose Spekulationen ranken sich um die Bedeutung dieser Höhlenmalereien – und um ihre kreativen Schöpfer.

Doch in den Höhlen findet sich nicht nur uralte Kunst, sondern auch zahlreiche Fußspuren, in mehr oder weniger gutem Erhaltungszustand. Manche sind versteinert, andere sind flüchtige Abdrücke im Sand oder festere Spuren im Lehm. Können diese Fußspuren etwas über die Schöpfer des „Bisons mit den Einschusslöchern“ aus der Höhle von Niaux oder über andere berühmte Felsmalereien erzählen?

Dieser Frage gehen die zwei Forscher Andreas Pastoors vom Neanderthal Museum in Mettmann und Tilmann Lenssen-Erz von der Forschungsstelle Afrika an der Universität Köln in einem Projekt genauer nach.

Unkonventioneller Ansatz - Dabei wählten sie einen unkonventionellen Ansatz. Durch seine Arbeit über die Höhlen- und Felskunst im südlichen Afrika bekam Tilmann Lenssen-Erz Kontakt zu den letzten dort lebenden Jägern und Sammlern, den San. Die auch als Buschmänner bekannten Ureinwohner Namibias leben noch ganz ähnlich wie unsere steinzeitlichen Vorfahren. Und sie haben ganz hervorragende Fährten- und Spurenleser in ihren Reihen.

„Da lag es doch nahe, diese Leute einmal auf die Fußspuren in den Höhlen der Pyrenäen anzusetzen. Denn die verstehen davon viel mehr als wir“, erläutert Lenssen-Erz die Grundidee des Forschungsprojekts. Schnell waren drei Experten im Fährtenlesen bei den San gefunden.

Tsamkxao Cigae arbeitet als Jagdführer, seine Kollegen C/wi Kunta und C/wi G/ago als freiberufliche Fährtenleser für Jagdgesellschaften. Gemeinsam mit den Wissenschaftlern aus Deutschland besuchten die drei zunächst einmal alte Höhlen im südwestlichen Afrika. Eine auch für die San neue Erfahrung, „denn wir waren vorher noch nie in diesen Höhlen gewesen“, sagte Tsamkxao Cigae, der als einziger der Buschmänner auch Englisch spricht und deshalb die Übersetzung in der Gruppe übernimmt.

Unterwegs in vier Eiszeit-Höhlen - Bevor die Gruppe in Richtung der Pyrenäen aufbrach, stand allerdings noch ein Besuch im Kölner Zoo auf dem Programm. Die deutschen Wissenschaftler zeigten den Männern aus Namibia Braunbären und Rentiere, um sie so ein wenig mit den Beutetieren eiszeitlicher Jäger hierzulande vertraut zu machen.

Seit Anfang Juli diesen Jahres war die Gruppe dann in vier eiszeitlichen Höhlen im Department Ariège in Südfrankreich unterwegs. In den Höhlen von Niaux, Pech Merle, Tuc d'Audoubert und Fontanet untersuchten sie gemeinsam rund fünfhundert Fußspuren – und kamen dabei zu teils überraschenden Ergebnissen.

Ein Fußabdruck in der öffentlich nicht zugänglichen Höhle von Fontanet etwa galt Prähistorikern bislang als einziger erhaltener eiszeitlicher Schuhabdruck. Die Spurenleser der San aber widersprachen dieser Deutung deutlich. Ihr geschultes Auge konnte in dem verblassten Abdruck sehr wohl auch noch die Zehen erkennen. Also ging wohl auch dieser eiszeitliche Höhlenkünstler noch barfuß und unbeschuht.

Deutung bis zur Einigkeit – „Entscheidend für den Erfolg unserer Arbeit ist die Gemeinschaft. Wir diskutieren jeden Abdruck so lange untereinander, bis wir uns in der Interpretation einig sind“, erklärt C/wi G/aqo Delu aus dem Fährtenleserteam. Die Sonderzeichen in seinem Namen stehen übrigens für die Klicklaute, für die die Sprache der San bei vielen bekannt ist.

Auch andere von Experten schon lieb gewonnene Deutungen der Fußabdrücke werden jetzt durch die Arbeit der San revidiert. Eine Reihe von Abdrücken in der Höhle Tuc d'Audoubert etwa konnten sich die Wissenschaftler bislang nicht recht erklären, weil sie in ihren Augen eher wirr erschienen. Also schloss man in einer Art Verlegenheitslösung, dass unsere steinzeitlichen Vorfahren hier vielleicht eine Art rituellen Tanzes ausgeübt hätten.

Die Erklärung der San-Spurenleser ist viel einfacher und nachvollziehbarer. Ganz eindeutig hätten hier ein Erwachsener und ein Kind Lehm aufgesammelt und an eine andere Stelle getragen. So lassen sich auch die unterschiedlichen Tiefen der Abdrücke ganz ohne theologische Spekulation erklären.

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