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Alkohol und Zucker konservierten dieses Brot - 90 Jahre lang

Baku, den 28. April (AZERTAG). John und Cornelia Vanderbilt sind längst tot - doch das Früchtebrot, das sie im April 1924 ihren Hochzeitsgästen reichten, gibt es noch immer. Das Stück tauchte jetzt in einer alten Truhe auf.

Zunächst wusste der 96-jährige Frederick Cothran gar nicht, was ihm seine Tante Bonnie Revis da vermacht hatte. Unter den Erbstücken in der alten Truhe lag eine kleine, beigefarbene Schachtel von der Größe einer Kaugummipackung. „Biltmore House“ war in silbernen Lettern darauf geprägt, sowie die verschnörkelten Initialen „CSV“ und „JFAC“. Der Inhalt: etwas, das wie alter Käse aussah.

Cothrans Tante Bonnie hatte als Köchin im Biltmore House gearbeitet. Das Anwesen im US-Bundesstaat North Carolina wurde vor rund 120 Jahren gebaut, gilt noch immer als größtes Privathaus in den USA und beherbergt heute ein Museum. Cothran rief dort an - und Sammlungsleiterin Laura Overbey fuhr zu ihm, um sich das seltsame Erbstück näher anzusehen.

Die Initialen brachten Overbey und ihre Kollegin, die Kuratorin Leslie Klingner, schnell auf die richtige Spur. Sie stehen für Cornelia Stuyvesant Vanderbilt und John Francis Amherst Cecil, die sich am 29. April 1924 auf dem Anwesen das Ja-Wort gaben. Die Braut entstammte der amerikanischen Ostküsten-High-Society, der Bräutigam war ein britischer Diplomat.

Doch warum sollte Tante Bonnie ein Stück Käse von der Hochzeit aufbewahrt haben? Des Rätsels Lösung kam schneller als erwartet. Gerade als Overbey das Büro ihrer Chefin betrat, um ihr von dem merkwürdigen Erbstück zu berichten, hörte diese eine Tonbandaufnahme an. Darauf berichtete ein gewisser Paul Towe, wie er als kleiner Junge die Hochzeit von Cornelia und John erlebt hatte - und dass er als Geschenk eine Schachtel mit Früchtebrot, dem Hochzeitskuchen des Bräutigams, mit nach Hause nehmen durfte.

Früchtebrot unter dem Kopfkissen - Mit Hochzeitstorte ist meist ein gigantisches, von Marzipanfiguren gekröntes Sahnegebilde gemeint. Doch es gibt auch die Tradition, dass der Bräutigam einen eigenen Kuchen bekommt. „Besonders in den Südstaaten der USA ist das auch heute noch Brauch“, erklärt Klingner. „Der Kuchen reflektiert die Vorlieben des Bräutigams: Er ist entweder sein Lieblingskuchen, ein altes Familienrezept oder in den Farben seines favorisierten Footballteams dekoriert.“

Die Tradition hat ihren Ursprung im England des 17. Jahrhunderts. Der Kuchen des Bräutigams war damals meist keine Sahnetorte, sondern ein dunkles, schweres Früchtebrot. Am Ende der Feier schnitt der Bräutigam ihn in kleine Stücke und gab sie den Gästen mit nach Hause. Wer eines davon in der Nacht unter sein Kopfkissen legte, sicherte sich ein Stück vom Glück des frischvermählten Paares.

Es war nur einer von vielen heute vergessenen Bräuchen und Aberglauben um die Hochzeitstorte. Sie mit den Gästen zu teilen, so glaubte man, brachte dem Paar Kindersegen und Wohlstand. Eine Braut aber, die ihren eigenen Hochzeitskuchen buk, würde es in der Ehe schwer haben. Wenn sie vor der Hochzeit schon vom Kuchen naschte, würde die Liebe ihres Ehegatten schnell vergehen. Und nur wenn auch wirklich jeder Gast ein Stück davon aß, war dem Paar reicher Kindersegen sicher.

Alkohol und Zucker verhindern Zersetzung - Das Rezept für den Bräutigamskuchen von John Francis Amherst Cecil sorgte dafür, dass er so haltbar war. Das Geheimnis eines guten Früchtebrots sind viel Alkohol und viel Zucker. Beide konservieren organisches Material hervorragend über lange Zeit. Genießbar ist das Stück von Tante Bonnie heute zwar nicht mehr. Aber dank der antibiotischen Wirkung von Alkohol und Zucker hatten Mikroorganismen keine Chance, ihn zu zersetzen.

Derzeit konserviert Overbey das Stück zusätzlich im Tiefkühlfach. „Damit ist er erst einmal in einer stabilen Umgebung“, erklärt die Sammlungsleiterin. Trotzdem ist sie langfristig auf der Suche nach Möglichkeiten, den Kuchen noch besser behandeln zu können. „Wir kennen uns mit der Konservierung von Möbeln, Kunst, Stoffen, Papier und dekorativen Objekten aus - aber Kuchen ist ein ganz neues Gebiet.“ Auf Hilfe aus anderen Museen oder Sammlungen kann sie wahrscheinlich nicht hoffen - nirgendwo gibt es ein vergleichbares Objekt. „Das macht es allerdings auch spannend für uns.“

Das Früchtebrot indes hat nicht nur die Liebe des Bräutigams, sondern auch ihn selbst überlebt: John Francis Amherst Cecil starb bereits vor 60 Jahren.

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