WIRTSCHAFT


Apples Umsatz bricht ein

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Baku, 28. April, AZERTAC

Apple verkauft weniger iPhones, der Umsatz bricht ein: Der wertvollste Konzern der Welt ist schockierend normal geworden. Diese Geschäftsfelder sollen die Rettung bringen.

Apple-Gründer Steve Jobs verfügte über eine Gabe, die seine Mitarbeiter - halb spöttisch, halb bewundernd - das "Realitätsverzerrungsfeld" nannten. Nachrichten, die nicht zu seinen Visionen passten, ignorierte der legendäre Gründer des Computerkonzerns stur oder deutete sie so geschickt um, dass sie seine Pläne eben doch stützten.

Tim Cook könnte die beinahe übersinnlichen Kräfte seines 2011 verstorbenen Vorgängers im Apple-Chefsessel gut gebrauchen. Als der eher schüchterne, oft distanziert wirkende Südstaatler bei der Vorstellung der Zahlen am Dienstagabend seinem Unternehmen eine "glänzende Zukunft" bescheinigte, nahm das kaum ein Analyst ernst. Die Aktie verlor nach Eröffnung des Handels mehr als 40 Milliarden Dollar an Börsenwert, vernichtet in wenigen Stunden.

Der Auslöser: Apples Umsatz sank im vergangenen Vierteljahr von 58 auf 50,6 Milliarden Dollar, das unterbot selbst die verhaltenen Expertenprognosen - und beendete eine seit 2003 andauernde Serie steigender Umsätze gegenüber dem Vorjahresquartal. Auch blieb weniger Gewinn bei dem iPhone-Entwickler hängen: nur noch 10,5 Milliarden Dollar (9,3 Milliarden Euro).

Apple löst so viel Kursfantasie aus wie die Allianz - 10,5 Milliarden Dollar Gewinn? Jenseits des Börsianerplaneten wundern sich viele schon lange über die Abgesänge auf die noch immer hochprofitable iCompany. 53,4 Milliarden Dollar verdiente Apple Chart zeigen im Geschäftsjahr 2015, mehr als jedes Privatunternehmen in der Geschichte des Kapitalismus.

Reicht das denn nicht? Muss Apple ewig wachsen? - Das erwartet niemand mehr. Die Börse hat sich bereits damit abgefunden, dass Apple ein geradezu normaler Konzern geworden ist. Gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), einem Indikator für Aktionärsoptimismus, löst Apple nur noch so viel Bauchkribbeln aus wie die Allianz oder die Münchner Rück. Googles KGV liegt mehr als doppelt, Facebooks viermal so hoch.

Am Aktienmarkt werden aber Zukunftsaussichten gehandelt - und da geht es bei Apple derzeit steil abwärts.

Für das kommende Geschäftsquartal rechnet Apple mit weiter deutlich fallenden Erlösen auf dann noch 41 bis 43 Milliarden Dollar. In China, Apples wichtigstem Absatzmarkt, droht eine Wirtschaftskrise. Von "starkem makroökonomischen Gegenwind" spricht Cook in seiner Pressemitteilung.

iCloud und Music sollen Wachstum bringen - Und dann ist da die Durststrecke bis zum nächsten iPhone-Modell: Erst im September kommt das "Siebener" auf den Markt, das iPhone 6 ist aber schon seit September 2014 in den Läden. So langsam hat sich jeder, der eins der Riesen-Smartphones will, auch eines gekauft. Um 16 Prozent ging der Absatz im vergangenen Quartal nach unten.

Zwei Drittel seines Umsatzes macht der Konzern aus Cupertino mit dem Telefon. Fällt der, bekommt die Apple-Bilanz einen tiefen Knacks.

Seit einiger Zeit versucht Apple deshalb, dem iPhone weitere Umsatzbringer zur Seite zu stellen, etwa die Apple Watch. Die smarte Armbanduhr dominiert ihr Segment, wie groß dieses aber überhaupt ist, steht noch in den Sternen. Immerhin: Laut Schätzungen des Marktforschungsunternehmens Bernstein verkaufte Apple im ersten Jahr 12 bis 13 Millionen Uhren. iPhones verkaufte Apple im ersten Jahr nur halb so viele.

Viel Hoffnung setzt das Unternehmen auch in seine Services, mit denen es im abgelaufenen Quartal sechs Milliarden Dollar verdiente - inzwischen mehr als mit dem Mac.

Die Einnahmen aus dem App Store, wo Apple 30 Prozent jedes App-Kaufs kassiert, legten um ein Drittel zu.

Auch der Streamingdienst Apple Music wächst weiter: Hatte er zu Jahresbeginn noch 10 Millionen Abonnenten, waren es nun bereits 13 Millionen. Musikindustrie-Experten rechnen gar damit, dass Apples Angebot in absehbarer Zeit Spotify als Marktführer ablösen wird.

Auch in den Speicherdienst iCloud setzt Apple Hoffnungen. Zahlen weist der Konzern hier aber nicht aus.

Bei allen Diensten kann Apple seine alte Stärke ausspielen: Wer einmal im geschlossenen OS-Universum unterwegs ist, landet fast automatisch bei Apples Diensten. Seine Apps sind vorinstalliert, Drittanbieter müssen ihre Apps in Cupertino überprüfen lassen.

Allerdings ist Apple in fast allen Servicemärkten Nachzügler. Googles Android-Betriebssystem nutzen weltweit viel mehr Menschen als iOS, Spotify hat noch mehr Abonnenten als Apple Music und neben iCloud gibt es bereits Dropbox, WeTransfer und andere. Nirgendwo ist ausgemacht, dass Apple den Markt so aufrollt wie einst den für Smartphones.

Das war es 2007 allerdings auch nicht, als das erste iPhone-Modell auf den Markt kam. Blackberry und Nokia hatten bereits für die Zeit respektable Smartphones auf dem Markt, und viele Beobachter zweifelten, ob die Welt auf Apples Telefon - ohne UMTS, ohne einen großen App-Katalog und mit eintägiger Akkulaufzeit - wirklich gewartet hatte.

Steve Jobs sagte bei seiner inzwischen legendären Präsentation, man werde "heute gemeinsam ein Stück Geschichte schreiben" - und tat damit etwas, was seinem Nachfolger noch gelingen muss: Er verzerrte die Realität nicht einfach.

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