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Archäologen entdecken Arm von Königin Ketevan

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Baku, den 29. Januar (AZERTAG). Sie widersetzte sich ihren Feinden - und doch wurde Königin Ketevan von Georgien vor 400 Jahren zu Tode gefoltert. Jetzt ist ein Arm der in Dichtungen geehrten Adligen aufgetaucht: in Indien.

Lange galten die Knochenfragmente Catharinas, die in ihrer Heimat Georgien als Königin Ketevan verehrt wird, als verschollen. Denn 1842 war die Kirche eingestürzt, in der die Überreste ihres rechten Arms aufbewahrt wurden: Die Kapelle des Augustinerklosters in Velha Goa im indischen Bundesstaat Goa.

Wie bitteschön kam der Arm einer georgischen Königin als Reliquie nach Indien? Schuld daran war zunächst einmal der persische Schah Abbas der Große. Der hatte Ketevan gefangen genommen, als er 1613 Georgien eroberte. Die folgenden zehn Jahre verbrachte Ketevan hauptsächlich im iranischen Shiraz als Gefangene des Schahs.

Doch dann beschloss der Herrscher, die georgische Königin zum muslimischen Glauben zu bekehren und in seinen Harem zu holen. Ketevan aber gefiel weder das eine noch das andere. Sie widersetzte sich den Soldaten des Schahs, bis diese sie schließlich am 22. September des Jahres 1624 mit glühenden Eisen zu Tode folterten.

Suche in der kollabierten Klosterkapelle - Unter den Augenzeugen ihres Todes befanden sich zwei portugiesische Mönche, die im Jahr zuvor als augustinische Missionare nach Shiraz gekommen waren. Sie gruben den Leichnam der Ketevan aus und versteckten drei Jahre lang die Knochen. 1627 schließlich gelangte ein Arm nach Goa, wo er in einer schwarzen Kiste oder einem Steinsarkophag im zweiten Fenster der Epistelseite der Kapelle des Augustinerklosters von Velha Goa als Reliquie verwahrt wurde.

Das Schicksal der Ketevan bewegte die Dichter zu großen Werken, wie im Jahr 1657 den Deutschen Andreas Gryphius zu seiner Tragödie „Catharina von Georgien“ oder noch 1861 den schottischen Poeten William Forsyth zu seinem Werk „The Martyrdom of Kelavane“. Die Augustinerkapelle mit der Kiste im Fenster jedoch bröckelte vor sich hin, wurde 1835 teilweise zerstört und brach 1842 vollständig ein.

„Nach den schriftlichen Quellen haben wir vermutet, dass sich die Relikte der Königin in dem Augustinerkloster befinden“, erzählt der Biologe Niraj Rai vom indischen Zentrum für Zell- und Molekularbiologie (CSIR) in Hyderabad, „aber weil die Kapelle komplett kollabiert war, erwies es sich als schwierig, die Knochenreste zu lokalisieren.“ Schließlich aber gelang den Archäologen das Kunststück. Auf der Innenseite des Fensters fanden sie einen Armknochen und den Deckel einer Steinkiste. Zwei weitere Knochen entdeckten sie auf der Außenseite - beide ebenfalls in schwarzen Steinkisten.

Weiblich und westeurasisch - Die Knochen gingen an das CSIR, wo Rai und seine Kollegen die mitochondriale DNA untersuchten, also die Teile des Erbgutes, die jeweils von der Mutter stammen. Die Ergebnisse verglichen sie mit Proben von 22.000 Indern sowie 30 Georgiern. In den beiden Knochenproben von der Außenseite der Kirche fanden die Forscher zwei Gruppen charakteristischer genetischer Merkmale: die Haplogruppen R6a und U2a. Für Goa ist das normal, denn R6A ist häufig bei den Küstenbewohnern Westindiens anzutreffen, und U2a ist eine gewöhnliche Haplogruppe unter der Bevölkerung Nord- und Westindiens.

Anders jedoch beim Armknochen von der Fensterinnenseite. Zunächst stellten Rai und Kollegen fest, dass es sich um den Arm einer Frau gehandelt hatte. Damit konnten sie auch ausschließen, dass die Probe während der Ausgrabungen oder Labortests mit fremder DNA verunreinigt worden war. Denn daran beteiligt waren ausschließlich Männer, argumentieren die Forscher in ihrem Aufsatz in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Mitochondrion“.

Wirklich spannend aber wurde es, als sie das Erbgut im Detail untersuchten: „Wir waren überrascht, die seltene Haplogruppe U1b zu finden“, schreibt Rai. Unter den 22.000 indischen Proben kam dieser genetische Marker kein einziges Mal vor, ist aber häufig in Georgien anzutreffen. „Also schlossen wir, dass der Armknochen nicht von einer indischen Person stammt, sondern von einer westeurasischen.“

Damit ist es relativ wahrscheinlich, dass die Archäologen den Arm Ketevans gefunden haben - zur Freude der Georgier, die seit 1989 bereits mehrfach versucht hatten, die Knochen ihrer Heiligen zu finden. Und was passiert nun mit dem Arm der Ketevan? „Die Knochenprobe befindet sich noch beim Archaeological Survey of India“, schreibt Rai. „Wahrscheinlich werden die Knochen bald als Leihgabe auf Zeit nach Georgien gehen.“

 

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