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Blinddarmentzündung: Der Antibiotika-Gruppe ordneten die Forscher 256 der Patienten zu

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Baku, 17. Juni, AZERTAC

Um gefährliche Infektionen zu verhindern, steht bei einer Blinddarmentzündung meist eine OP an. Jetzt bestätigt die bislang größte Studie ihrer Art. Gibt es noch keine Komplikationen, kann die Gabe von Antibiotika ausreichen.

Mehr als hundert Jahren lang gab es bei Blinddarmentzündung nur eine Therapie. Der Wurmfortsatz musste raus. Eine aktuelle Untersuchung unterstützt jedoch die Annahme, dass eine Operation nicht immer notwendig ist. Bei unkomplizierten Entzündungen kann es ausreichen, Erwachsene mit Antibiotika zu behandeln.

Der Wurmfortsatz ist ein etwa fingergroßes Anhängsel des Blinddarms, das zwischen Dick- und Dünndarm sitzt. Er hat nur einen Ein- und Ausgang, schon ein festsitzender Kirschkern kann ausreichen, um eine Entzündung auszulösen. Nicht behandelt droht anschließend ein Durchbruch des Blinddarms, bei dem es zu gefährlichen Infektionen im Bauchraum kommen kann.

Um Komplikationen wie diese zu verhindern, wurde der Wurmfortsatz jahrelang entfernt, auch wenn die Entzündung noch unauffällig war. Finnische Forscher haben jetzt an einer Gruppe mit mehr als 530 Erwachsenen untersucht, ob sich die Beschwerden auch mit der Gabe von Antibiotika unter Kontrolle bekommen lassen.

Dabei beschränkten sie sich auf Patienten, bei denen es laut CT-Untersuchungen noch zu keinen Komplikationen gekommen war. Per Zufall entschieden sie, wer operiert werden sollte und wer erst einmal nur Medikamente erhielt.

Antibiotika: Bei knapp drei Viertel der Patienten erfolgreich - Insgesamt 273 der Patienten kamen in die OP-Gruppe, bei allen bis auf einem wurde der Wurmfortsatz erfolgreich entfernt, schreiben die Forscher um Paulina Salminen vom Turku University Hospital im Fachmagazin „Jama“. Bei dem einen Nicht-Operierten waren die Symptome vor dem Eingriff von selbst abgeklungen.

Der Antibiotika-Gruppe ordneten die Forscher 256 der Patienten zu. Die überwiegende Mehrheit profitierte von der Therapie: Bei 186 der 256 Patienten ließ die Entzündung während der Behandlung mit dem breit wirkenden Antibiotikum nach. Sie konnten das Krankenhaus ohne eine Operation verlassen, auch innerhalb des folgenden Jahres kam die Entzündung bei ihnen nicht zurück.

Bei 70 der 275 Betroffenen allerdings (27 Prozent) zeigte das Medikament nicht die gewünschte Wirkung. Sie mussten trotz der Behandlung operiert werden. Obwohl der Eingriff verzögert stattfand, gab es bei ihnen keine häufigeren oder schwerwiegenderen Komplikationen als bei den sofort Operierten.

Wann überwiegt der Nutzen das Risiko? – „Es ist an der Zeit, darüber nachzudenken, die routinemäßige Blinddarm-OP bei Patienten mit einer unkomplizierten Entzündung abzuschaffen“, schreibt Edward Livingston, Deputy-Editor, im „Jama“-Editorial. Schon heute behandeln manche deutsche Ärzte eine leichte Entzündung erst einmal mit Antibiotika und Bettruhe.

Noch reichen die Daten jedoch nicht aus, um die Antibiotikatherapie weitgreifend einzuführen: Auch sie kann Nebenwirkungen haben und birgt etwa das Risiko, dass sich resistente Krankheitserreger bilden. Die Operation hingegen verläuft meist ohne Komplikationen, bleibt aber ein größerer chirurgischer Eingriff.

Um Nutzen und Risiken der beiden Behandlungen endgültig zu klären, seien weitere, größere Untersuchungen notwendig, heißt es in dem Editorial. Hinzu kommt, dass die Ergebnisse der jetzigen Studie nur für die untersuchte Gruppe gelten - also Erwachsene mit einer unkomplizierten Blinddarmentzündung. Vor allem auf Kinder können sie nicht einfach übertragen werden.

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