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Briten finden erstmals Mikroben in See unter dem Eis

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Baku, den 12. September (AZERTAG). Es ist wie eine Bohrung in die ferne Vergangenheit. Forscher haben nach eigenen Angaben erstmals Bakterien in einem See entdeckt, der seit Jahrtausenden isoliert unter dem Eispanzer der Antarktis lag. Es ist ein Zeichen, dass Leben auch in extremen Umgebungen gedeihen kann.

Es ist eine faszinierende Vorstellung. In Seen der Antarktis, seit vielen Jahrtausenden verborgen unter einem dicken Eispanzer, könnten urtümliche Lebensformen die Zeiten ungestört überstanden haben. Russische Forscher mühen sich deswegen schon seit langem mit einer Bohrung am Wostoksee um Proben. Amerikaner haben eine Bohrung im Whillans-See am Rand des Eisschilds absolviert, aber bisher nur wenig über die Ergebnisse berichtet. Und britische Kollegen wollten den Ellsworth-See anbohren, scheiterten dabei allerdings vorerst.

Nun kann das British Antarctic Survey (BAS) andernorts einen Erfolg melden. Erstmals seien lebende Geschöpfe in einem subglazialen See entdeckt worden - wenngleich an nicht ganz so exponierter Stelle wie bei den vorherigen Versuchen.

Die Forscher hatten sich den Hodgson-See auf der Antarktischen Halbinsel vorgenommen. Während Ellsworth- und Wostoksee kilometertief unter dem Eispanzer liegen, der Whillans-See immerhin 800 Meter, geht es beim Hodgson-See nur um drei bis vier Meter. Einst sei der See jedoch deutlich tiefer unter dem Eis verborgen gewesen, erklären die Wissenschaftler - und zwar mehr als 460 Meter vor gut 10.000 Jahren. In jedem Fall sei das Gewässer seit langer Zeit isoliert von der Atmosphäre.

BAS-Forscher hatten den zwei mal 1,5 Kilometer messenden See mit Kollegen der Universitäten Northumbria und Edinburgh untersucht. Eigentlich sollte es sich um Vorarbeiten für das Bohrprojekt am Ellsworth-See handeln. Besonders interessierten sie sich dabei für die Sedimente am Boden des 93 Meter tiefen Gewässers. Im Fachmagazin „Diversity“ berichten die Wissenschaftler über erste Ergebnisse, konkret über die Analyse eines knapp vier Meter langen Sedimentkerns vom Seeboden.

„Umgebungen, die wir eigentlich für zu extrem halten“ - Datierungen belegen demnach, dass die untersten Bereiche der Probe um die 100.000 Jahre dort lagen. Verblüffend sei die hohe Biomasse und die große Diversität der Organismen: „Es ist das erste Mal, dass lebende Mikroben im Sediment eines subglazialen Sees der Antarktis gefunden wurden“, sagt David Pearce, Hauptautor der Studie. „Das ist ein Indikator dafür, dass Leben existieren und womöglich auch gut gedeihen kann in Umgebungen, die wir eigentlich für zu extrem halten.“

Ein zentrales Problem bei Bohrungen in subglaziale Seen ist die Gefahr einer Kontaminierung mit Bakterien von der Oberfläche. Auf diese Art, so der Einwand von Kritikern, würde man die seit Jahrtausenden isolierten Lebensräume unwiederbringlich zerstören. Das Team um Pearce nutze nach eigenen Angaben ein sterilisiertes und mit Polycarbonat abgedichtetes Rohr. Der Bohrkern vom Boden des Sees sei bei der Entnahme vollständig innerhalb des Rohrs geblieben und danach sofort eingefroren worden. Die spätere Untersuchung in Cambridge sei in einer mikrobiologisch sauberen Umgebung erfolgt.

Die Forscher kultivierten im Labor einen Teil der gefundenen Organismen. Zumindest bei Proben aus dem oberen Teil des Sedimentkerns zeigte sich Bakterienwachstum, insgesamt in 20 verschiedenen Kulturen. Außerdem analysierte das Team das Erbgut der Mikroben. Dabei trafen sie vor allem auf alte Bekannte - aber nicht nur: Knapp ein Viertel der Funde konnten vorerst nur als „unidentifizierte Bakterien“ katalogisiert werden.

An ihrer Identifikation werden die Wissenschaftler nun arbeiten. Forscher Pearce sagte dem Internetdienst „LiveScience“, man könne mit den neuen Ergebnissen die Voraussetzungen für das Vorkommen von Leben auf der Erde besser eingrenzen - und dann damit beginnen, diese Erkenntnisse auf andere Planeten anzuwenden.

 

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