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Debatte über die sogenannte Letzter-Wille-Pille

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Baku, 8. Januar, AZERTAC

Wie weit darf Selbstbestimmung gehen? In den Niederlanden läuft eine Debatte über die sogenannte Letzter-Wille-Pille. Die tödliche Tablette soll es Sterbewilligen ermöglichen, sich selbst das Leben zu nehmen.

Für ein geplantes Lebensende reichen ein paar Pillen. Man kann sie illegal über die sogenannte China- oder die Mexiko-Route bestellen. Ein paar Tage später werden sie per Post geliefert, üblicherweise in einer Geburtstagskarte als Tarnung. Die Adressen und Handynummern der Händler sind in den Niederlanden kein großes Geheimnis.

Nun gibt es Pläne, die tödlichen Mittel offen und legal anzubieten, als sogenannte Letzter-Wille-Pille. Todkranke Patienten hätten die Mittel zu Hause und könnten selbst ihr Leben beenden - ohne die Hilfe eines Arztes. Es geht dabei um die Frage, wie weit das Recht auf Selbstbestimmung gehen soll.

Die Niederlande waren 2001 das erste Land der Welt, das Sterbehilfe ermöglichte. Bislang dürfen jedoch nur Ärzte Euthanasie leisten und das auch nur bei Patienten, die aussichtslos und unerträglich leiden. Zusätzlich muss ein zweiter, unabhängiger Mediziner einem solchen Wunsch zustimmen.

Der Arzt als Richter - Manche Ärzte lehnen Sterbehilfe jedoch aus moralischen Gründen ab. Zudem haben Mediziner in der Vergangenheit über die psychische Belastung geklagt. Sie wollen eigentlich Menschenleben retten, sollen Patienten aber auch tödliche Infusionen legen.

Ein Lösungsvorschlag: Das System so zu reformieren, dass Ärzte eine kleinere Rolle spielen. Ende November stellte die Niederländische Vereinigung für ein Freiwilliges Lebensende (NVVE) dazu Pläne und verschiedene Szenarien vor.

"Ärzte haben im heutigen System bei Euthanasie-Fragen die Rolle von Richtern bekommen", sagt Robert Schurink, Direktor der NVVE, der einflussreichsten Lobbyorganisation des Landes. Manche Patienten würden gerne ihr Leben beenden, haben aber einen Hausarzt, der ihnen diesen Wunsch nicht erfüllen kann oder will. "Mit einer Neuregelung könnte mehr Autonomie geschaffen werden, sodass der Einzelne selbst entscheiden kann", erklärt Schurink.

Wie genau die Abgabe der "Letzter-Wille-Pillen" funktionieren könnte, ist noch offen. Denkbar wäre laut Schurink zum Beispiel, dass sie zukünftig unter strengen Vorgaben von speziellen Institutionen ausgegeben werden. Ärzte wären dafür nicht zwangsläufig nötig.

Bereits heute geben Organisationen wie die NVVE oder "De Einder" Sterbewilligen Hinweise, wie sie die tödlichen Mittel im Ausland beschaffen können. Nur die Beihilfe zum Suizid ist den Niederlanden strafbar, nicht die Beratung darüber. Wenn es nach der NVVE geht, soll auch die Beihilfe künftig legal sein, wenn etwa Angehörige beim Suizid helfen.

"Schusswaffe auf dem Nachtschrank" - Der Medizin-Ethiker Theo Boer von der Protestantischen Theologischen Universität in Groningen erklärt, faktisch seien die Pillen für den Tod bereits heute erhältlich. Boer lehnt mehr Autonomie oder die freie Verfügbarkeit der Mittel nicht grundsätzlich ab. Er mahnt jedoch zu äußerster Vorsicht, den Ärzten die Verantwortung abzunehmen. "Entscheidungen wie die über Leben und Tod gehören in die Hände von Experten", sagt Boer. "Ein Mittel wie die 'Letzter-Wille-Pille' ist so gefährlich wie eine Schusswaffe auf dem Nachtschrank."

Auch NVVE-Direktor Schurink sagt, man müsse bestimmte Möglichkeiten ausschließen: beispielsweise, dass die Mittel in die Hände von Kriminellen gelangen oder dass sie von psychisch Kranken, Trauernden oder Menschen mit Liebeskummer eingenommen werden. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass eine liberale, aber kontrollierte Sterbehilfe nicht zu Missbrauch führt.

Nun sei die Zeit reif für Veränderungen und Anpassungen, meint die NVVE. In den kommenden Monaten sollen NVVE-Mitglieder, Politiker, Mediziner und Politiker über die Zukunft der Sterbehilfe diskutieren. Danach könnte ein wissenschaftlich begleitetes Pilotprojekt beginnen, um genaue Kriterien zu erarbeiten und die Einführung der "Letzter-Wille-Pille" zu erproben.

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