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Die Magie der Ostereier

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Baku, den 22. April (AZERTAG). Ein Ei sagt mehr als tausend Worte: Gefärbt, verziert, gekocht oder pur sind Eier seit Jahrtausenden Übermittler guter Wünsche und magischer Kräfte. Selbst die Schalen sind zu gebrauchen - als Dünger oder zur vermeintlichen Abwehr von Blitzen.

Jetzt stehen sie wieder in den Regalen im Supermarkt: fertig hart gekochte Eier in leuchtend grün, gelb, blau oder rot. „Oh, da werden die Kinder sich freuen!“, denken die einen, wenn sie danach greifen. „Klasse, da spare ich mir das Kochen!“, die anderen. Aber kaum jemand wird noch einen Gedanken daran verschwenden, dass er, wenn er beispielsweise zum roten Ei greift, damit eine Erinnerung an das von Jesus Christus vergossene Blut verspeisen wird. Oder mit dem gelb gefärbten Ei sich ein Symbol für das ewige Leben in den Mund schiebt.

„Der Brauch des Färbens und Verzierens von Eiern im Frühjahr geht mit Sicherheit schon auf vorchristliche Zeit zurück“, berichtet Jutta Triantafyllidis, Leiterin des Museums im Amtshausschlüpfla bei Erlangen. Das kleine Museum verfügt über eine Eiersammlung, die auch in diesem Jahr wieder in der Ausstellung „Magie auf Ostereiern“ zu sehen war. „In alten Zeiten konnten nur wenige Menschen lesen und schreiben“, erklärt Triantafyllidis. „Deshalb bedienten sie sich vieler Zeichen und Symbole. Damit konnten Botschaften übermittelt werden, die jeder verstand.“

Weißes Ei, große Bedeutung - Statt zu schreiben „Ich wünsche dir viel Glück“, tat es auch ein Osterei, das mit Sternen bemalt war - denn der Stern steht für Leben und Glück. Für den Wunsch nach Gesundheit und ewiger Jugend malten die Menschen Lebensbäume auf ihre Eier. Wer sich Fruchtbarkeit herbeisehnte, malte eine Sonne. Keltische Knoten oder Spinnennetze sollten vor bösen Geistern und Dämonen schützen.

Und natürlich gibt es auch zum Thema Liebe jede Menge geheime Eierzeichen. Welcher Mann hat nicht Probleme damit, ein „Ich liebe dich“ über die Lippen zu bringen. Muss auch gar nicht sein. „Wenn ein junger Mann eine junge Frau beeindrucken möchte, dann schenkt er ihr ein Ei, das mit Blumen bemalt ist - am besten mit einer Rose“, rät Triantafyllidis. Das funktioniert auch in die andere Richtung: „Junge Mädchen können ihrem heimlich Auserwählten ein Ei schenken, um zu zeigen, dass sie den jungen Mann mögen.“ Und in einigen Kulturen bekam der Brautwerber, wenn sein Heiratswunsch von den Eltern des Mädchens angenommen wurde, zum Essen eine Eierspeise serviert. Das war das Zeichen: Wir sind einverstanden, du darfst unsere Tochter haben, wir wünschen euch jede Menge Kinder. Worte brauchten dafür nicht gewechselt werden.

Nicht immer mussten die Eier demnach bunt bemalt sein, um eine Botschaft zu übermitteln - oder eine magische Funktion zu erfüllen. „Wenn aus einem Ei Leben hervorgeht, muss es folglich auch Leben schützen können“, erklärt Triantafyllidis die magische Symbolik der Eier. „Wenn das Ei schützende Wirkung hat, muss es auch alles Böse abwehren können. Deshalb hatte das Ei bei einem uralten Abwehrzauber eine zentrale Bedeutung.“ So wurden Eier in der Vergangenheit in Gräber gelegt und in Brücken eingemauert. Beliebt war auch, sie in den Mauern, unter der Schwelle oder unter dem Fußboden eines Wohnhauses zu verstecken.

Magie auf dem Acker - Im vergangenen Sommer erst fanden Archäologen der University of Wisconsin in der türkischen Stadt Sardis zwei Eier unter dem Boden eines Hauses. Sie stammen aus der Zeit zwischen 70 und 80 unserer Zeitrechnung, als die Römer in Sardis herrschten. Beide Eier waren sorgfältig in Tonschüsseln verpackt, daneben lagen Münzen und kleine Eisennägel. Vielleicht sollten sie die Bewohner des Hauses vor Erdbeben schützen - denn das Haus, das vorher an der Stelle gestanden hatte, war bei einem Erdbeben kollabiert. Der Zauber scheint gewirkt zu haben: Selbst nach knapp zwei Jahrtausenden war zumindest eines der Eier noch intakt.

Ganz so alt sind die Eier in der Ausstellung in Amtshausschlüpfla noch nicht. „Unser ältestes Ei stammt aus Ungarn“, berichtet Triantafyllidis, „es ist ganz einfach traditionell bemalt und etwa 40 Jahre alt.“ Der jüngste Neuzugang ist ein russisches Ikonenei, das im letzten Jahr in die Sammlung kam. Das persönliche Lieblingsei der Museumsleiterin ist allerdings eines, das sie selber bemalt hat: „Darauf ist ein altes Allgäuer Holzhaus, in dem ich ein Jahr lang mit meiner Mutter gewohnt habe“, verrät sie.

Und selbst wenn die Osterfeiertage vorbei und alle Eier verspeist sind, lässt sich mit den Eierschalen noch Magie betreiben. Die kann man nämlich im Garten vergraben. Zum einen sind sie ein guter Dünger und sorgen so tatsächlich für einen fruchtbaren Boden. Und, so glaubten früher die Bauern, Eierschalen im Acker schützen die Saat vor Hagel und Blitzschlag.

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