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Doch die Singvögel begannen auch zu warnen

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Baku, 8. Juni, AZERTAC

„Achtung, Falke!“ Fühlen Dornschnäbel sich bedroht, imitieren sie Warnrufe anderer Arten. Der Trick schützt sie vor Feinden, die 40 Mal größer sind als sie selbst.

Krähen können Spielkarten nach abstrakten Kategorien sortieren und bestehen Intelligenztests, die man Kindern im Alter von sechs bis sieben zutrauen würde. Nicht umsonst gelten sie gemeinsam mit Raben als Vögel mit der höchsten Intelligenz. Die schützt sie allerdings nicht davor, selbst ausgetrickst zu werden, zeigt eine Studie im Fachmagazin „Proceedings of the Royal Society B“.

Branislav Igic von der Australian National University in Canberra und Kollegen haben beobachtet, wie eine der kleinsten Vogelarten Australiens bis zu einem halben Meter große Dickschnabel-Würgerkrähen durch nachgeahmte Alarmrufe in die Irre führt. Der Trick ist überlebenswichtig.

„Die Krähen sind mindestens 40 Mal größer als die Singvögel“, erklärt Igic. „Bei einem Angriff würden sie die erwachsenen Vögel und ihre Küken fressen.“ Etwa zwei Kilo Kükenfleisch verfüttert ein Krähenpaar pro Saison an seine eigene Brut. Gleichzeitig attackieren Greifvögel, beispielsweise Falken, die Nester der Krähen aus der Luft. Das machen sich die kleinen Roststirn-Dornschnäbel zu nutze.

Achtung, Angriff - Bei Experimenten im botanischen Garten in Canberra fiel Igic und Kollegen auf, dass Dornschnäbel Warnrufe anderer Vögel, beispielsweise von Honigfressern, nachahmen. Die Rufe weisen auf Gefahren aus der Luft hin: „Vorsicht Leute, da fliegt ein Falke.“ Doch die Singvögel begannen auch zu warnen, wenn sich Feinde am Boden näherten und aus der Luft gar keine Gefahr drohte.

Um herauszufinden, welchen Nutzen dieser falsche Alarm haben könnte, testeten Igic und Kollegen die Reaktion der für die Dornschnäbel gefährlichen Krähen auf die Rufe (siehe Video). Sie stellten Futterstellen auf und spielten den Krähen normales Gezwitscher (Thornbill song), Alarmrufe (Non-mimetic alarms alone) und nachgeahmte Warnrufe (Non-mimetic & mimetic Alarm calls) von Dornschnäbeln vor.

Bei allen Alarmrufen blickten die Krähen nach oben und suchten den Himmel nach Jägern ab. Die typische Falken-Warnung der Dornschnäbel allein lenkte sie für etwa acht Sekunden ab. Die Kombination von Alarmrufen verschiedener Vogelarten hingegen, die die Dornschnäbel nachahmten, beschäftigte die Krähen doppelt so lange - genug Zeit für die Küken, zu fliehen und sich im dichten Geäst zu verstecken.

Variation schützt vor Abnutzung – „Viele Vogel- und Säugetierarten reagieren auf Alarmrufe von anderen Arten“, erklärt Igic. So entstehe eine Art kollektives Gefahrenwarnsystem. „Die Krähen profitieren normalerweise davon, doch die Dornschnäbel setzen ihre Reaktion auf die Warnungen gegen sie ein.“

Die Studie sei die erste, die zeige, dass Vögel Alarmrufe gezielt nachmachen, um sich vor Feinden zu schützen, schreiben die Forscher. Das Prinzip der Nachahmung nutzen viele Tiere, um sich zu schützen.

So tarnen sich etwa viele harmlose Insekten mit Farben und Zeichnungen von gefährlichen verwandten Arten, um Feinde abzuwehren. Ein bekanntes Beispiel sind etwa Schwebefliegen, die Wespen ähneln, aber nicht stechen können. Dabei besteht allerdings immer die Gefahr, dass die Tarnung irgendwann auffliegt oder sich die Signalwirkung abnutzt. Variationen, wie im Gesang der Vögel, können davor schützen.

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