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Ein neuer Stammbaum zur Evolution von Grippeviren

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Baku, den 19. Februar (AZERTAG). Woher kommen Grippe-Epidemien? Anhand des Erbguts der Viren haben Forscher die Entwicklung der Krankheit rekonstruiert. Sie fanden eine erstaunliche Verwandtschaft zur Vogelgrippe.

Ein neuer Stammbaum zur Evolution von Grippeviren kommt zu überraschenden Befunden. Demnach spielte eine Pferdegrippe-Epidemie in den 1870-er Jahren in den USA eine wichtige Rolle in der Geschichte der Influenza-A-Erreger. Die Spanische Grippe, die Millionen Menschen weltweit das Leben kostete, stamme vermutlich aus Nordamerika, berichten Forscher um Michael Worobey von der University of Arizona in Tucson im Wissenschaftsblatt „Nature“.

Im Gegensatz zu früheren Stammbäumen berücksichtigen sie die unterschiedlichen Entwicklungsraten der Erreger in verschiedenen Wirten wie etwa Vögeln, Menschen, Schweinen oder Pferden. Die Forscher rekonstruierten die Entwicklung von Influenza-A-Viren, denen 17 durchnummerierte HA- und 10 NA-Varianten angehören. Die Kürzel stehen für die Proteine Haemagglutinin und Neuraminidase. Sie ergeben in verschiedenen Kombinationen Varianten wie etwa H1N1 oder den derzeit in China kursierenden Vogelgrippe-Typ H7N9. Influenza A kann unter anderem bei Menschen, Pferden oder Schweinen vorkommen, die größte genetische Vielfalt findet man jedoch bei Vögeln.

Im Gegensatz zu anderen Ansätzen entwickelten die Forscher ein Modell, das verschiedenen Wirten unterschiedliche molekulare Mutationsraten im Erbgut zugesteht. Das nennen die Forscher HSLC (host-specific local clock; also wirts-spezifische lokale Uhr). „enn man die Tatsache nicht berücksichtigt, dass das Virus sich in jeder Wirtsspezies mit verschiedenen Raten entwickelt, kann man Unfug erhalten - unsinnige Resultate darüber, wann und von wo pandemische Viren starteten“ wird der Evolutionsbiologe Worobey in einer Mitteilung seiner Uni zitiert.

Mit dem neuen Ansatz analysierten sie 80.000 Influenza-A-Gensequenzen aus aller Welt und erstellten daraus Stammbäume verschiedener Proteine bei unterschiedlichen Arten. „Wir sehen, dass die Vogelgrippe in den meisten Genen eine extrem junge Geschichte hat, nicht viel älter als die Erfindung des Telefons“, bilanziert Worobey.

Von Vögeln übertragen - Demnach änderte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts plötzlich das Erbgut von Vogelgrippe-Viren weltweit. „In den 1870-er Jahren überzog ein enormer Ausbruch der Pferdegrippe Nordamerika“, erläutert Worobey. Zu jener Zeit - 1872 bis 1873 - berichteten US-Medien auch auffällig viel über Grippe bei Hausvögeln wie etwa Hühnern. Analysen bestätigen, dass die Pferdeinfluenza H7N7 eng mit der Vogelgrippe verwandt ist. Unklar sei allerdings, ob die Erreger von Pferden auf Vögel übersprangen oder umgekehrt.

Die Studie beleuchtet auch die Spanische Grippe von 1918, an der weltweit Millionen Menschen starben. Demnach entstammte ein großer Teil des Erbguts dieses H1N1-Erregers von wilden oder domestizierten Vögeln, vermutlich in Nordamerika.

Die Pferdegrippe H3N8, die 1963 erstmals bei Pferden in Miami nachgewiesen wurden, stamme dagegen aus Südamerika, schreiben die Forscher. Mehrere Teile des Erregers zeigen demnach eine starke Ähnlichkeit zu Virusproteinen, die bei Vögeln in Argentinien, Bolivien, Chile und Brasilien gefunden wurden.

Die Studie deutet auch darauf hin, dass die Vogelgrippe-Erreger nicht vorwiegend von Wildvögeln stammen, sondern eher von Hausvögeln. „Die Leute neigen zu der Annahme, dass Wildvögel die Quelle von allem sind, aber wir sehen starke Hinweise auf ein Überspringen von Hausvögeln auf Wildvögel“, so Worobey. „Die Tiere, die wir für Nahrung und Eier halten, formten die Vielfalt der Viren in der Natur über Jahrzehnte substanziell. Das ist eine Überraschung.“

 

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