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Forscher entdecken in den peruanischen Anden über 12.000 Jahre alte Spuren einer Besiedlung

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Baku, 24. Oktober, AZERTAG

Das Pucuncho Becken in den peruanischen Anden ist kein gemütlicher Ort. Hier oben, auf über 4300 Metern über dem Meeresspiegel, ist der Sauerstoff-Partialdruck mehr als sechzig Prozent niedriger als in Meereshöhe. Die durchschnittliche Jahrestemperatur beträgt gerade mal drei Grad Celsius. Der Körper benötigt unter diesen Bedingungen die doppelte Menge an Kalorien, um einen normalen Stoffwechsel aufrechterhalten zu können. Doch weit und breit fehlt es an Holz oder sonstigem Brennmaterial für ein kleines Feuer zum Kochen oder Wärmen.

Trotzdem machten die ersten Menschen, die auf dem südamerikanischen Kontinent ankamen, nicht die fruchtbaren Küstenregionen zu ihrem Standort. Sie wählten den Weg entlang der Hänge der Anden und breiteten sich im Pucuncho-Becken aus. Eine internationale Forschergruppe um Kurt Rademaker von der University of Maine fand dort über 12.000 Jahre alte Spuren einer Besiedlung - nur rund 2000 Jahre, nach den ersten Nachweisen menschlicher Anwesenheit auf dem südamerikanischen Kontinent überhaupt. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift Science berichten die Wissenschaftler über ihre Funde.

Zwei Siedlungsplätze haben die Forscher nachweisen können. Der erste, Cuncaicha, diente den Menschen schon vor etwa 12.400 Jahren als Basislager. Von hier aus starteten sie ihre Jagdausflüge und hierher kehrten sie mit den erlegten Tieren zurück. Der Ort bot ausreichend Schutz vor dem kalten Westwind: Über einem Kegel, in dem die Jäger reichlich Obsidian für Werkzeuge fanden, liegt ein Felsüberhang mit zwei Nischen. Die Höhlen sind nach Norden offen - von dort oben hat man einen hervorragenden Ausblick über die Landschaft. In beiden der Höhlen sind die Decken schwarz vom Ruß der Feuer, die Wände sind bemalt. In den Schichten des Bodens stießen die Forscher die Spuren des Lagerlebens: Steinwerkzeuge, Tierknochen und Knochenperlen.

Offenbar war der Ort nicht nur damals sehr attraktiv. „In der Höhle hielten sich durch das gesamte Holozän immer wieder Menschen auf“, sagt Rademaker. „Es ist möglich, dass während der gesamten Geschichte der Menschen in Südamerika im Pucuncho Becken gesiedelt wurde.“ Erst rund 4000 Jahre alte Keramikscherben erzählen beispielsweise davon, dass auch vor noch gar nicht so langer Zeit Cuncaicha als Zufluchtsort genutzt wurde.

Wann genau im Laufe der vergangenen 12.000 Jahre die Besucher der Höhle mit rotem Ocker Lamas und Hirsche auf die Wände malten, lässt sich leider nicht feststellen. „Felsmalereien sind sehr schwierig zu datieren", erklärt Rademaker. Mit Werkzeugen aus Obsidian zerlegten jedenfalls schon die frühen Highlander die erjagten Vicuña und Guanako - beides Lama-Arten - sowie peruanische Andenhirsche. Die Bearbeitungsspuren an den Knochen sind eindeutig: In Cuncaicha wurden die Tiere sorgfältig bis zu den Zehen gehäutet und fachmännisch zerlegt. Sogar die Knochen kochte man aus, um an das Fett zu gelangen.

Auch wenn es dort oben Tiere zu jagen gibt, fehlen auf dieser Höhe die Pflanzen für eine ausgewogene Ernährung. Anhand der verkohlten Reste der Mahlzeiten an den Kochfeuern konnten die Forscher nachweisen, dass die Menschen ihre Beilagen - stärkehaltige Wurzeln und Knollen - aus dem Tal mitbrachten. Bis in lebensfreundlichere Bereiche auf 2500 Metern sind es von Cuncaicha aus allerdings rund 40 bis 50 Kilometer bergab. Das spricht dafür, dass die Aufenthalte dort oben geplante Expeditionen oder Jagdausflüge waren. Spontan „mal eben so“ kam mit ziemlicher Sicherheit niemand in Cuncaicha vorbei.

Der zweite Siedlungsplatz, Pucuncho, ist möglicherweise sogar noch älter. Zwischen 12.800 und 11.500 Jahre alt sind die ältesten Waffenspitzen, Messer und Schaber, die Rademaker und sein Team dort gefunden haben. Die Menschen suchten sich die geeigneten Obsidiane für ihre Herstellung aus dem Geröll des dortigen Schwemmkegels. Und zwar nicht nur für den sofortigen Gebrauch vor Ort: Wahrscheinlich liegt hier der Ursprungsort von Steinwerkzeugen, die in der Fischersiedlung Quebrada Jaguay an der 150 Kilometer entfernten Pazifikküste gefunden wurden. Da der Obsidian nicht auf natürlichem Weg diese Strecke zurückgelegt haben kann, muss es also bereits eine sehr frühe Handelsverbindung vom Pucuncho Becken bis an die Küste gegeben haben.

Alles spricht dafür, dass die Menschen keine lange Anpassungsphase an die extremen Höhen brauchten, sondern schon bald nach ihrer Ankunft auf dem südamerikanischen Kontinent die Gipfel erstürmten. „Da die Besiedlung von Gebieten über 4000 Metern bisher vernachlässigt wurde, ist es also nur wahrscheinlich, dass künftig weitere Siedlungen aus der Endphase des Pleistozän in diesen Höhen gefunden werden“, erklären die Forscher.

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