WISSENSCHAFT & TECHNOLOGIE


Grabräuber nutzen Ägyptens politisches Chaos

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Baku, den 31. Juli (AZERTAG). Ägyptens kulturelles Erbe ist in Gefahr. Als Folge des politischen Chaos im Land werden bedeutende archäologische Schätze nicht mehr ausreichend bewacht. Räuber räumen jahrtausendealte Grabkammern leer - die Behörden sind überfordert.

Ein paar hundert Meter entfernt von den Pyramiden in Dachschur ist der sandig-braune Boden zerlöchert. Dutzende offene Schächte führen in die Tiefe, manche bis zu sieben Meter. Hier waren Grabräuber am Werk. Unter der Erdoberfläche liegt in Dachschur einer der ältesten Friedhöfe Ägyptens - Gräber, möglicherweise voller Schätze aus der Pharaonenzeit. Archäologen haben sie teilweise kartografiert, aber noch nicht freigelegt. Ähnlich sieht es vielerorts in Ägypten aus.

Hochkulturen von den Pharaonen über die Römer, Griechen, Kopten und Fatimiden haben überall im Land Spuren hinterlassen. Längst sind nicht alle Schätze entdeckt und geborgen. Grabräuberei war schon immer ein Problem, mit dem Ägypten zu kämpfen hatte - doch seit der Revolution 2011 „hat dieses Phänomen noch weiter zugenommen“, klagt Abdel-Halim Nur el-Din, Professor für Archäologie und Ex-Chef der ägyptischen Altertümerbehörde. „Wir verlieren stückweise unser Kulturerbe.“

Die Diebesbanden plündern ungestört - Schon im Januar 2011 wurde das berühmte Ägyptische Museum in Kairo geplündert; Randalierer zerstörten unbezahlbare Schätze. Doch auch fernab der Hauptstadt gehen Relikte aus der Vergangenheit für immer verloren. Der Grund dafür ist die mangelnde Überwachung der historischen Stätten. Nach den Aufständen hatte sich der repressive Sicherheitsapparat überall zurückgezogen.

Zweieinhalb Jahre später lassen sich die Polizisten nun langsam wieder in den Straßen blicken. Doch sie sind hauptsächlich mit den immer wieder stattfindenden Protesten beschäftigt. Anderswo benehmen sich einige Ägypter, als ob es den Staat und seine Gesetze nicht mehr gäbe.

In Dachschur stehen mittlerweile zwei gepanzerte Fahrzeuge der Armee bei den Pyramiden, um Grabräuber abzuschrecken. Doch bisher sind die Diebe recht unerschrocken am Werk. „Wir wollten sie stellen“, sagt ein Wächter in Dachschur, der namentlich nicht genannt werden will. „Doch dann haben sie mit automatischen Gewehren das Feuer auf uns eröffnet.“ Der Wächter und seine Kollegen waren nur mit kleinen Pistolen bewaffnet. Sie sprangen in Deckung, die Grabräuber plünderten weiter.

Die Banden gehen immer dreister vor. Bei den Pyramiden von Sakkara rückten sie mit Waffen an und räumten ein Lagerhaus des ägyptischen Staates aus. Es enthielt nach Angaben des zuständigen Abteilungsleiters der Altertümerbehörde unter anderem kleine Statuen. Selbst in den Touristenhochburgen Assuan und Luxor kam es zu illegalen Ausgrabungen. Die Experten gehen davon aus, dass es sich um organisierte Banden handelt. Statt Schaufeln setzen manche von ihnen auch kleine Bagger ein.

„Antiquitätendiebstahl ist ein sehr profitables Geschäft“, sagt Abdel-Halim Nur el-Din. „Die Regierung muss es zur Priorität machen, die illegalen Ausgrabungen zu unterbinden.“ Es gehe erst einmal nur darum, die Altertümer zu bewachen. Für alles andere, Ausgrabungen oder Restaurierungen, sei sowieso kein Budget da.

Die gestohlenen Antiquitäten sind unwiederbringlich verloren - In der Altertümerbehörde hat man an diesem Tag noch ganz andere Sorgen. Der Strom ist ausgefallen, mal wieder. Die Angestellten sitzen im Dunkeln, die Computer sind aus, auch die Klimaanlage, und das bei 43 Grad. Osama Mustafa Elnahas leitet die Abteilung zur Rückführung von Antiquitäten. Er weiß, dass die illegalen Ausgrabungen mittlerweile überall im Land stattfinden. „Sie sind seit der Revolution zu einem alltäglichen Phänomen geworden“, sagt er.

Das ganze Ausmaß der Plünderungen kennt man selbst in der Altertümerbehörde nicht. Die Amerikanerin Deborah Lehr vom Think-Tank Paulson Institute in Chicago hat vorgeschlagen, der ägyptischen Regierung mit amerikanischen Satellitenaufnahmen bei der Aufklärung zu helfen. Doch bisher stecken diese Pläne in der ägyptischen Bürokratie fest.

Was bereits gestohlen wurde, ist für wohl für immer verloren. Die ägyptischen Experten gehen davon aus, dass viele der Antiquitäten im Ausland und in internationalen Auktionshäusern landen werden - unerreichbar für Kairo. „Wenn wir ein Kunstwerk zurückhaben wollen, müssen wir zeigen, dass das Objekt in Ägypten als gestohlen registriert wurde“, sagt Elnahas. Doch bis zur Registrierung der Grabbeigaben kommen die Behörden meist gar nicht - die Grabräuber sind schneller.

 

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