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Hygiene: Wissenschaftler entdecken in North Carolina mehr als 8000 Mikrobenarten

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Baku, 8. April, AZERTAC

Käfer laben sich an abgeschnittenen Fingernägeln, Läuse an Topfpflanzen: Spinnen, Insekten und Mikroben passen sich dem Haushalt an. Manche lassen sich kaum mehr bekämpfen.

Michelle Trautwein erforscht einen der letzten weißen Flecken auf der Landkarte des Lebens - die Artenvielfalt in unseren vier Wänden. In den letzten Jahren hat die Insektenforscherin im US-Bundesstaat North Carolina mit ihrem Team fünfzig Eigenheime unter die Lupe genommen. Bewaffnet mit Stirn- und Taschenlampen, Knieschonern, Pinzetten, Netzen, Glasfläschchen und Absauggeräten wagten sie sich in dunkelfeuchte Kellerecken vor, robbten unter dem Dachfirst über den Boden trockenstaubiger Speicher und wuchteten Kühlschränke und Spülmaschinen zur Seite, um Insekten und andere Gliederfüßer einzusammeln.

Die Ausbeute der Expedition war weit größer als erwartet: Teppichkäfer, Zitterspinnen, Höhlenschrecken, Raubwanzen, südasiatische Kirschessigfliegen - insgesamt sammelten sie mehr als 10 000 Exemplare, etwa 750 Arten ein. Viele Tiere waren von Licht oder Gerüchen angelockt durch Türen und Fenster ins Innere der Häuser geflogen und hatten dann den Weg in die Freiheit nicht mehr gefunden.

Etliche Spezies waren aber dauerhafte Untermieter. Etwa der Wollkrautblütenkäfer, der sich an Hautresten, Fingernägeln und Essensresten labt, ebenso wie Trauermücken rings um Topfpflanzen oder Staubläuse. Die tierische Besatzung war aber nicht in jedem Heim gleich: Einige verfügten über jede Menge Tausendfüßler, andere beherbergten große Silberfischkolonien. „Häuser mögen nicht wie Orte erscheinen, in denen Biologen Entdeckungen machen“, sagt Trautwein. „Aber auch in Innenräumen finden sich Ökosysteme.“

Dieser Naturraum ist evolutionsgeschichtlich jung, schließlich bauen Menschen erst seit etwa 20 000 Jahren Häuser. Aber er wächst - und auch in ummauerten und überdachten Räumen geht die Evolution weiter. Derzeit liegt das Ausmaß der Gebäudeflächen bei geschätzt 0,5 Prozent des weltweit eisfreien Landes. Das entspricht einer Fläche von etwa 640 000 Quadratkilometern. Soviel Platz nehmen ungefähr auch die tropischen Nadelwälder ein. Und die Ökosysteme im Inneren von Gebäuden wachsen weiter. In Manhattan etwa ist die Innenraumfläche heute fast dreimal so groß wie die Insel selbst.

Was die Wissenschaft bislang über unsere Mitbewohner weiß, fassen 25 Forscher in einem Überblicksartikel in der April-Ausgabe des Fachjournals Trends in Ecology and Evolution zusammen. Eine der Autorinnen, die Biologin Laura Martin von der Cornell University im US-Bundesstaat New York, sagt: „Bislang hat sich die Forschung in Häusern auf Schädlinge konzentriert. Aber es ist notwendig, die kompletten Lebensgemeinschaften zu betrachten.“ Dazu gehören auch die Mikroorganismen. In vierzig Häusern, ebenfalls in North Carolina, entdeckten Wissenschaftler mehr als 8000 Mikrobenarten. Ein anderes Forscherteam fand Hunderte Pilzarten bei einer Untersuchung von nur elf Häusern in Kalifornien. Ein bevorzugtes Biotop der Pilze sind Duschköpfe und Abflüsse. In jedem Heim gibt es eine Art Dschungel mit unzähligen Spezies - ein unerwarteter Hotspot der Biodiversität.

Die Forscher richten ihr Augenmerk aber nicht nur auf den Bestand, sondern auch auf die Evolution dieses Ökosystems. Wo isolierte Populationen um beschränkte Nahrungsressourcen konkurrieren und ihnen feindselige Reinigungsmittel, Staubsauger und Schuhsohlen nach dem Leben trachten, überleben nur die am besten Angepassten.

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