GESELLSCHAFT


Im Schlaf sei der Mensch Manipulationen schutzlos ausgeliefert

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Baku, 29. Mai, AZERTAC

Vorurteile sind tief in unserem Gehirn verankert, dachte man bisher. Nun zeigt sich. Mit der richtigen Technik lassen sie sich quasi über Nacht ausradieren. Das könnte Fluch und Segen zugleich werden.

Können Mädchen kein Mathe? Sind Schwarze häufiger kriminell? Obwohl Rassismus und Geschlechterklischees längst der Vergangenheit angehören sollten, sind sie im Gehirn vieler Menschen nach wie vor gespeichert - teils ohne, dass es ihnen bewusst ist. Das zeigt die Polizeigewalt gegen Schwarze in den USA, aber auch Studien, in denen Vorurteile subtil ermittelt werden.

So schossen Weiße wie Schwarze 2007 in einem Ego-Shooter-Experiment eher auf Schwarze, selbst, wenn diese unbewaffnet waren. Geht es darum, einen Forschungsassistenten einzustellen, wählen Männer und Frauen bei gleicher Qualifikation eher den Mann, zeigte zudem eine Studie aus 2012.

Vorurteile umprogrammiert - Einfach nur schlafen reicht allerdings nicht, um solche Vorurteile zu beseitigen. In dem aktuellen Versuch schauten sich 40 Probanden zunächst Bilder an, auf denen Begriffe Porträts zugeordnet waren. Zu sehen waren etwa eine Frau und das Wort Mathe oder ein dunkelhäutiger Mann und das Wort Sonnenschein.

Erschien den Probanden die Zuordnung unpassend, drückten sie einen Knopf, woraufhin ein Ton erklang. In einem zweiten Versuch mussten die Probanden die Porträts dann erneut dem zuvor als unpassend empfundenen Begriff zuordnen, sobald sie den passenden Ton hörten. So lernten sie allmählich, die aus ihrer Sicht unpassenden Kombinationen als richtig abzuspeichern. Dann legten sie sich für 1,5 Stunden schlafen.

In der Tiefschlafphase spielten die Forscher den Kandidaten nun die Töne aus den ersten beiden Tests vor. Es zeigte sich, dass sich die neuen Verknüpfungen - Mädchen mögen Mathe, Schwarze sind sympathisch - im Schlaf verfestigten. Je nachdem, welche Töne die Probanden bei ihrem Nickerchen hörten, bauten sie die zugehörigen Vorurteile ab, wie der Vergleich von Vorurteilstests vor und nach dem Versuch zeigte.

Auch eine Woche nach den Versuchen war der Effekt noch messbar, berichten die Forscher im Fachmagazin „Science“. Wie lange die Manipulation anschließend wirkte, haben sie allerdings nicht überprüft.

Langzeitwirkung unklar – „Das Prinzip, Gedächtnisinhalte über Nacht zu verstärken, ist nicht neu“, erklärt Jan Born vom Institut für Medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie der Universität Tübingen, der einen Begleitartikel zu dem Versuch geschrieben hat. Psychologen nutzen das Prinzip bereits in experimentellen Studien, um etwa Ängste von Patienten abzuschwächen.

„Die aktuelle Studie zeigt erstmals, dass sich auch Assoziationen, die sich über viele Jahre in das Gedächtnis eingebrannt haben, in kurzer Zeit und mit simplen Methoden verändern lassen“, erklärt Born. Wie nachhaltig die Vorurteile gelöscht werden, müssen nun weitere Studien zeigen, die die Langzeitwirkung der Behandlung prüfen.

Was genau im Gehirn beim Lernen im Schlaf geschieht, gibt immer noch Rätsel auf. Lange ging man davon aus, dass Erinnerungen reaktiviert und dadurch gefestigt werden. Was aber passiert, wenn zwei Ideen miteinander konkurrieren? Sind Mädchen nun, wie bisher gespeichert, schlecht in Mathe oder können sie es doch, wie neuere Erfahrungen nahelegen?

„Wir wissen nicht, ob die stärkere Assoziation im Schlaf verstärkt wird, die ältere oder die gerade erlernte“, so Born. „Wenn wir nur eine winzige Stellschraube im Experiment verändern, könnte das Ergebnis schon wieder ein ganz anderes sein.“ Im schlimmsten Fall würden dann bestehende Vorurteile verstärkt.

Obwohl die Forschung noch am Anfang steht, verweist der Forscher auf ein ethisches Dilemma: Im Schlaf sei der Mensch Manipulationen schutzlos ausgeliefert. Sollte es möglich werden, Gedächtnisinhalte langfristig zu verändern, könne das beispielsweise genutzt werden, um Kindern das Lernen zu erleichtern, aber auch, um Menschen zu schaden.

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