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Man kann eine kleine Lampe nicht brennen zu lassen

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Baku, 22. Juli, AZERTAC

Forscher raten: nachts Licht aus. Denn Dauerlicht mache früher gebrechlich - Mäuse jedenfalls. Und wahrscheinlich auch Menschen.

Schon bei Kindern ist es oft üblich, nachts eine kleine Lampe brennen zu lassen. Doch damit sind Eltern nicht unbedingt gut beraten. Denn zu viel Licht in der Nacht könnte krank machen - darauf deutet zumindest eine neue Untersuchung an Mäusen hin.

Auf monatelanges Dauerlicht reagierten die Tiere mit Entzündungsreaktionen, Muskelschwund und frühen Anzeichen von Osteoporose, wie ein niederländisches Forscherteam im Fachjournal "Current Biology" berichtet. Alle beobachteten Veränderungen seien typische Anzeichen zunehmender Gebrechlichkeit, wie sie normalerweise als Alterungsfolge entstehe. Wie stark die zugrundeliegenden Mechanismen auch beim Menschen wirkten, sei noch unklar.

In der Studie stecke immens viel Arbeit, das Ergebnis sei unstrittig und "unbedingt ernstzunehmen", sagt der Berliner Schlafmediziner Dieter Kunz, der nicht an der Studie beteiligt war. Auch wenn es sicher Unterschiede zu den Prozessen beim Menschen gebe: "Es ist ein deutlicher Hinweis, dass der Hell-Dunkel-Rhythmus für die Gesundheit eine erhebliche Rolle spielt".

Der Mechanismus biete zum Beispiel eine mögliche Erklärung dafür, dass Knochenbrüche und Osteoporose manche Menschen früher und stärker treffen als andere, erklärt Kunz, Chefarzt an der Klinik für Schlaf- und Chronomedizin des Berliner St. Hedwig-Krankenhauses.

24 Wochen lang Dauerlicht - Die Wissenschaftler um Johanna Meijer vom University Medical Center in Leiden hatten mehr als hundert Mäuse 24 Wochen lang unter Dauerlicht gehalten und verschiedene gesundheitsrelevante Messwerte erfasst. Hirnaktivitätsmessungen über Elektroden im Kopf der Tiere zeigten, dass die tageszeitabhängigen Veränderungen im neuronalen Muster der inneren Uhr im sogenannten Nucleus suprachiasmaticus um etwa 70 Prozent vermindert waren. Die Skelettmuskulatur der Mäuse wurde schwächer, es gab Anzeichen für Knochenabbau, und bestimmte Entzündungswerte im Körper waren erhöht wie sonst nur bei Reaktionen auf Erreger oder andere schädliche Einflüsse.

Dauerlicht sei in der Lage, über eine Kaskade von Effekten zu Gebrechlichkeit ähnlich der alterungsbedingten zu führen, lautet das Fazit der Forscher. Ein Abweichen vom Hell-Dunkel-Rhythmus sei weit weniger harmlos als lange angenommen. Im Tierversuch war der Effekt umkehrbar: Wurden die Tiere wieder einem natürlichen Hell-Dunkel-Rhythmus ausgesetzt, schwanden die Symptome binnen zwei Wochen wieder.

Für den Menschen sei das eher nicht vorstellbar, sagt der Berliner Experte Kunz. Bei den wohlbehütet lebenden Mäusen sei nur ein einzelner Faktor - die Beleuchtung - verändert worden. "Bei einem Schichtarbeiter spielen viele zusätzliche Aspekte eine Rolle, ein verändertes Familienleben oder Ernährung und Schlaf zur falschen Zeit", erklärt der Berliner Schlafforscher. "Die Erfahrung bei Schichtarbeitern zeigt, dass auch bei Rückkehr zu einem normalen Lebensrhythmus langfristige Folgeschäden bleiben."

Die meisten Menschen leben mit nächtlicher Beleuchtung - Umso wichtiger sei es, den Hell-Dunkel-Rhythmus als wichtige Einflussgröße für die Gesundheit wahrzunehmen, sagt Kunz. "Zu wenig Licht am Tag dürfte dabei ähnliche Folgen haben wie zu viel Licht in der Nacht." Für die moderne schlaf- und rhythmusgestörte Gesellschaft werde die Problematik bisher zu wenig berücksichtigt.

Es werde noch zu wenig darauf geachtet, welchen Lichtmengen Menschen im Tag-Nacht-Verlauf ausgesetzt sind, betonen auch die Forscher um Meijer: Drei Viertel der Weltbevölkerung lebten in Regionen mit nächtlicher Beleuchtung. Viele Menschen weltweit seien Nachtarbeiter. Und vor allem in Pflegeheimen und auf Intensivstationen sei Dauerlicht üblich. Gerade bei diesen Patienten könnten sich dadurch ohnehin ablaufende Alterungsprozesse noch verstärken, befürchten die Wissenschaftler.

In Pflegeheimen sei es angebracht, das Licht in den Zimmern nachts nicht nur zu dimmen, sondern ganz auszuschalten, sagt auch Kunz. Die Analogie der Studiensituation zu Intensivstationen kann er dagegen nicht nachvollziehen: "24 Wochen im Leben einer Maus entsprechen Jahren im Leben eines Menschen." So lange liege niemand auf der Intensivstation.

In weiteren Analysen müsse nun geprüft werden, inwieweit sich die Mäuse-Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen. Meijers Team will sich dabei zunächst auf zwei Aspekte konzentrieren: die Auswirkungen auf das Immunsystem und mögliche Gesundheitsvorteile für Patienten, bei denen auf einen klaren Hell-Dunkel-Rhythmus geachtet wird.

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