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Plastikmüll schädigt nicht nur Fische, sondern auch Wattwürmer

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Baku, den 11. Dezember (AZERTAG). Weltweit werden jährlich über 200 Millionen Tonnen Kunststoff produziert. Davon landen verschiedenen Schätzungen zufolge sechs bis 26 Millionen Tonnen im Meer. Der weitaus meiste Plastikmüll – 70 Prozent – sinkt demnach auf den Meeresboden.

Laut Experten liegen auf dem Grund der Nordsee rund 600.000 Kubikmeter Plastikmüll. Die möglichen Folgen für das Ökosystem sind immens. Plastikmüll ist nicht nur für große Meerestiere eine tödliche Gefahr. Der schädigt nicht nur Fische, sondern auch Wattwürmer. Zu mikroskopisch kleinen Teilen zermahlen, schwächt er im Sediment lebende Würmer, berichten Forscher im Fachmagazin „Current Biology“.

Nehmen Wattwürmer Kunststoff-Partikel auf, fressen sie demnach deutlich weniger und ihre Energiereserven schwinden. Die Gefährlichkeit von Kunststoffen wie PVC, Polystyrol oder Polyurethan müsse neu klassifiziert werden, fordern die Wissenschaftler.

Allein auf dem Grund der Nordsee liegen Experten zufolge rund 600.000 Kubikmeter Plastikmüll. Als Mikroplastik werden kleine Zerfallsprodukte von weniger als fünf Millimetern Durchmesser bezeichnet, die durch Umwelteinflüsse wie Reibung entstehen.

Im Lebensraum der Wattwürmer in der Nordsee mache der Kunststoff Polyvinylchlorid mehr als ein Viertel dieser Partikel aus, heißt es in „Current Biology“. Polyvinylchlorid, kurz PVC, wird etwa für Fensterrahmen, Rohre und Fußbodenbeläge, aber auch Kabelummantelungen, verschiedene Foliensorten und Kreditkarten verwendet.

Die Forscher um Stephanie Wright von der University of Exeter (Großbritannien) setzten Wattwürmer (Arenicola marina) im Labor in Sediment mit bis zu fünf Gewichtsprozent Hart-PVC, zugefügt als Partikel von im Mittel etwa 130 Mikrometern Durchmesser.

Im natürlichen Lebensraum liege der Gewichtsanteil für Partikel bis einen Millimeter Durchmesser an besonders betroffenen Stränden bei bis zu drei Prozent, auf das Volumen bezogen könne er sechs Prozent übersteigen.

Die Würmer lebten entweder langfristig (vier Wochen) oder nur kurz (48 Stunden) in dem mit Partikeln versetzten Sediment, eine Kontrollgruppe wurde in sauberes Substrat gesetzt.

Die Tiere fressen ständig den Sand in ihrer Umgebung, um organische Stoffe als Nahrung herauszufiltern – und nehmen dabei auch die Plastikkrümel auf. Innerhalb eines Monats seien die Energiereserven der Würmer in der Folge um bis zu 50 Prozent geschrumpft, schreiben die Forscher.

Ursachen sind demnach eine bis zu 25 Prozent verringerte Fressaktivität, die längere Verweildauer der PVC-Partikel im Darm sowie Entzündungsreaktionen im Körper der Tiere. Die schwindenden Reserven wirkten sich auf Fitness, Wachstum, Alterungsprozesse und auch die Fortpflanzung der Wattwürmer aus, erläutern die Wissenschaftler. Die möglichen Folgen für das gesamte Ökosystem seien immens.

Wattwürmer sind eine Schlüsselspezies in den Tidenbereichen der Nordsee, sie wälzen das Watt um und durchlüften es, zudem sind sie Beutetiere vieler Fische und Wattvögel. Bei einer typischen Dichte von 85 Würmern je Quadratmeter Watt wälze A. marina jährlich 400 Kubikmeter Sediment um.

Eine um ein Viertel verringerte Fressaktivität könne zur Folge haben, dass rund 130 Kubikmeter Sediment weniger umgelagert würden, schreiben die Forscher. Die Tiere fräßen ja nicht nur weniger, sondern nähmen dabei auch etliche Plastikpartikel statt natürlichen Materials auf.

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