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Präsidialamt in Sarajevo von Demonstranten in Brand gesetzt worden

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Sarajevo, den 7. Februar (AZERTAG). Zehntausende Menschen haben in Bosnien gegen Arbeitslosigkeit und Verelendung ihres Landes demonstriert, für die sie Unfähigkeit und Korruption der Politiker verantwortlich machen. Dabei kam es zu teils heftigen Zusammenstößen mit der Polizei und schweren Verwüstungen.

In der Hauptstadt Sarajevo setzten Demonstranten einen Trakt des Präsidialamtes in Brand. Ein Reporter berichtete, Regierungsgegner hätten Fenster in dem Gebäude eingeworfen und eine Fackel ins Innere geworfen. Die Polizei habe versucht, die Demonstranten mit einem Wasserwerfer auseinanderzutreiben. Das Feuer konnte inzwischen offenbar gelöscht werden.

In der Industriestadt Tuzla im Nordosten Bosnien-Herzegowinas stürmten etwa 100 Vermummte den Sitz der Regionalverwaltung und legten Feuer in dem Gebäude. Dort hatten sich etwa 10.000 Protestierenden versammelt.

„Diebe, Diebe“, skandierten die Demonstranten, um auf ihre soziale Not und die Korruption aufmerksam zu machen. Sie hatten starke Polizeiverbände mit Pflastersteinen, Knüppeln und Feuerwerkskörper zum Rückzug gezwungen. Einer der Anführer des Protests in Tuzla, Aldin Siranovic, forderte in einer Rede den Rücktritt der Regierung. „Sie bestehlen uns seit 25 Jahren und zerstören unsere Zukunft“, rief er.

In Sarajevo warfen Demonstranten die Scheiben des Regionalregierungsgebäudes ein, berichteten Augenzeugen. Dort hatten sich rund 1.000 Menschen versammelt. Teilweise gewaltsame Proteste gab es auch in Zenica, Bugojno, Cazin, Bihać und in vielen weiteren Städten. „In diesem Land ereignet sich ein Tsunami der bestohlenen Bürger“, sagte Innenminister Fahrudin Radončić in Sarajevo.

Die Demonstrationen dauern seit Mittwoch an. Am Donnerstag waren in Tuzla die Proteste erstmals in Krawalle umgeschlagen. Mehr als 130 Menschen wurden bei Zusammenstößen verletzt. In Tuzla, einst ein wichtiger Industriestandort, gingen auch Beschäftigte von privatisierten und Pleite gegangenen ehemaligen Staatsbetrieben auf die Straße, die seit Monaten keinen Lohn mehr bekamen.

Seit dem Bürgerkrieg (1992 bis 1995) steckt Bosnien in einer politischen Krise. Wegen des Dauerstreits der muslimischen Bosniaken, der orthodoxen Serben und der katholischen Kroaten ist das Land praktisch politisch blockiert.

Der Staatshaushalt wird zum größten Teil von der ineffektiven Verwaltung und Korruption aufgezehrt. Große Teile der Bevölkerung sind bitterarm. Die Arbeitslosenquote in Bosnien liegt bei mehr als 44 Prozent. Nach amtlichen Angaben lebt ein Fünftel der 3,8 Millionen Bosnier in Armut, viele leiden Hunger. Weil die Industrie zerstört ist und ausländische Investitionen ausbleiben, ist keine Besserung in Sicht. Der durchschnittliche Monatslohn in dem Balkanland liegt bei 420 Euro.

Der Innenminister rief die Regionalregierung in Tuzla auf, zurückzutreten. Die Polizisten sollten keine Gewalt gegen ihre Mitbürger anwenden, sagte Radončić. Die Polizisten hätten wegen Geldmangels nicht einmal „vernünftige Uniformen“ und ihre Familien seien genauso verarmt und von der Politik gebeutelt wie die Demonstranten.

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