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Russland verhindert weltgrößtes Meeresschutzgebiet

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Baku, den 17. Juli (AZERTAG). Mehr als zehn Jahre waren die Pläne vorbereitet worden. Alles umsonst. Die Beratungen der Kommission für die Erhaltung der lebenden Meeresschätze in der Antarktis (CCAMLR) sind gescheitert - und damit auch die Einrichtung des größten Meeresschutzgebietes der Welt. „Es hat nicht den geringsten Fortschritt gegeben“, berichtet Konferenzteilnehmer Onno Groß von der Meeresschutzorganisation Deepwave. „Das ist ein Rückschritt für den Meeresschutz“, ergänzt Tim Packeiser, Meeresökologe beim Umweltverband WWF.

Ein Positionspapier der russischen Delegation, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, stellt in Frage, dass die CCAMLR überhaupt befugt wäre, Schutzgebiete zu bestimmen: „Es herrscht eindeutig Unklarheit darüber, was das Konzept eines Schutzgebiets beinhaltet“, heißt es darin. Es mangele an einer klaren Definition und damit an einer „vollen rechtlichen Grundlage der Tätigkeit der Kommission in Bezug auf die Einrichtung eines solchen Bereichs“.

Unter den Delegierten herrschte Entsetzen. „Das hat uns alle überrascht, niemand hier hat das Verhalten Russlands verstanden“, sagt Packeiser. „Alle fragen sich, was dahinter steckt.“ Vom „langen Arm aus Moskau“ war die Rede. Teilnehmer spekulierten über Instruktionen aus Moskau, sie vermuteten geopolitische Gründe - und fragen sich, warum Russland solch grundsätzliche Bedenken nicht vor der Konferenz angemeldet hat.

Konter der USA - Die USA entgegneten schriftlich, dass die Einrichtung von Meeresschutzgebieten durch die CCAMLR sehr wohl auf internationalem Recht gründe. Die US-Delegation verwies auf mehrere frühere internationale Entscheidungen CCAMLR, die Meeresschutzgebiete begründeten, auch in der Antarktis. Der Kommission gehören 24 Staaten und die Europäische Union an - jene Länder, die in der Antarktis engagiert sind, wirtschaftlich oder wissenschaftlich.

Auch die Ukraine verweigerten nach Berichten von Teilnehmern zunächst grundsätzlich einen Beschluss, zeigte sich am Ende aber angeblich wieder verhandlungsbereit. China wollte zwar verhandeln, hatte aber große Bedenken gegen strenge Vorschriften in den geplanten Meeresschutzgebieten.

„Ich habe noch nie so enttäuschende Verhandlungen erlebt“, sagt Greenpeace-Meeresexpertin Iris Menn, die als Beobachterin der Beratungen in Bremerhaven im Plenum saß. Die für einen Beschluss notwendige Einstimmigkeit galt schon zuvor als problematisch, weil Russland, China und die Ukraine allzu strikte Beschränkungen für die Fischerei fürchteten. Besonderes Interessen an Fischerei in der Region hat allerdings auch Norwegen, das sich auf Fanquoten eingelassen hätte, berichten Teilnehmer. Ein generelles Fangverbot, wie es zunächst etwa von der EU gefordert worden war, schien da längst utopisch.

Die Kommission wollte in Bremerhaven darüber entscheiden, ob im Rossmeer und in der Ostantarktis Schutzgebiete ausgewiesen werden, die mit insgesamt rund 3,8 Millionen Quadratkilometern fast so groß sind wie die Europäische Union. Es wären die größten Meeresschutzgebiete der Welt. Ihre Schaffung war bereits im vergangenen Herbst beim Jahrestreffen der CCAMLR im australischen Hobart am Widerstand Russlands, der Ukraine und Chinas gescheitert.

Die Allianz für den antarktischen Ozean (AOA), in der 30 Umweltschutzgruppen zusammenarbeiten, beklagte, dass eine „einmalige Gelegenheit“ zum Schutz der Antarktis verpasst worden sei. Alle CCAMLR-Mitglieder seien gekommen, „um vertrauensvoll zu verhandeln - außer Russland“, sagte AOA-Direktor Steve Campbell. Andrea Kavanagh von der US-Umweltschutzgruppe Pew Environement sagte, bei der nächsten Sitzung der CCAMLR im australischen Hobart in drei Monaten müsse „unbedingt“ ein Konsens gefunden werden.

Die Erfolgschancen erscheinen aber äußerst gering. „Es wird nicht leichter werden“, sagt Meeresbiologe Onno Groß. Derzeit arbeiten deutsche Experten den Vorschlag für eine Schutzzone in der Westantarktis aus. Argumente aber, warum Russland in Hobart zustimmen sollte, wollten niemandem einfallen.

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