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Schadet Pucken der Babyhüfte?

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Baku, 10. Juni, AZERTAC

Eng um den Körper geschlungene Tücher sollen schreiende Babys beruhigen. Orthopäden befürchten aber, dass das Pucken den Hüften schadet. Was hilft? Die richtige Wickeltechnik.

Manche Eltern schwören darauf: Ist ihr Baby fest in Tücher gewickelt, beruhigt es sich schneller und schläft besser ein. Der Gedanke dahinter ist, das zappelige Baby räumlich einzugrenzen und ihm so zu helfen.

Allerdings ist die Methode nicht nur wegen des möglicherweise höheren Risikos für einen plötzlichen Kindstod umstritten. Wissenschaftler glauben, dass das sogenannte Pucken die Hüfte schädigen kann.

"Eltern laufen Gefahr, durch das Pucken die gesunde Entwicklung der Hüfte zu gefährden", sagt Tamara Seidl, Oberärztin der Klinik für Unfallchirurgie, Orthopädie, Wirbelsäulenchirurgie am Franziskus Hospital in Bielefeld.

Das Problem: Häufig werden die Beine gestreckt eingewickelt, sodass sie kaum noch Bewegungsmöglichkeiten haben. "Durch die Streckstellung wirken Kräfte, die das Wachstum der Hüfte verändern und verlangsamen können", erläutert die Ärztin.

Wenn Gelenkkopf und -pfanne nicht zusammenpassen - Reift die Hüfte nicht normal aus, kann sich bei Babys nach einigen Wochen eine so genannte sekundäre - also nicht angeborene - Hüftdysplasie entwickeln. Darunter versteht man eine Fehlstellung der Hüfte, sodass Gelenkkopf und -pfanne nicht zueinander passen. Im Extremfall renkt das Gelenk aus. Bleibt die Fehlstellung unbehandelt, entwickeln Kinder einen hinkenden Gang, außerdem erhöht sie das Risiko, im Erwachsenenalter an einer Arthrose im Hüftgelenk zu erkranken.

Hüftdysplasien sind die häufigsten Skelett-Fehlbildungen bei Neugeborenen. In Deutschland kommen zwei bis vier Prozent der Babys mit einer unreifen Hüfte zur Welt, Mädchen sind etwa sechsmal häufiger betroffen als Jungen. Ein bekannter Risikofaktor dafür ist die Geburt aus Beckenendlage, bei der das Baby mit den Beinen oder dem Po voran zur Welt kommt.

Die Vermutung, dass Pucken spätere Hüftdysplasien begünstigt, wird durch eine aktuelle Multicenter-Studie aus Kanada erhärtet. Die Forscher verglichen verschiedene Risikofaktoren für spät diagnostizierte Fehlstellungen miteinander. Dazu werteten sie Daten von 392 Kindern zwischen 0 und 18 Monaten aus neun Kliniken in den USA, Australien und Europa aus. Bei 133 Patienten war die Fehlstellung erst nach dem dritten Monat diagnostiziert worden. Von den Spätdiagnostizierten waren nur wenige aus Beckenendlage geboren worden. Allerdings war in dieser Gruppe das Pucken häufiger.

In einer weiteren Untersuchung an 3.541 Kindern in der Türkei wurden per Ultraschall 208 krankhaft veränderte Hüften entdeckt. Als Hauptrisikofaktor bewerten die Wissenschaftler das Pucken - noch vor anderen Risiken wie genetischer Veranlagung, weiblichem Geschlecht und Beckenendlage.

Den Verdacht, dass Pucken der Hüfte von Neugeborenen schaden kann, legten bereits frühere Studien nahe. So kamen bei den US-amerikanischen Navajo-Babys in den Fünfzigerjahren Hüftdysplasien sechsmal häufiger vor als im US-Durchschnitt. Die Neugeborenen wurden traditionell mit ausgestreckten Beinen auf ein Brett gewickelt. Als die Wickelmethode seltener wurde, sank die Häufigkeit der Hüftdysplasien etwa auf den US-Durchschnitt.

Auch in Untersuchungen aus Japan zeigte sich ein Zusammenhang zwischen Pucken und vermehrt auftretenden Hüftdysplasien. Hier führte die Abkehr vom traditionellen Pucken zu einem Rückgang der Hüftfehlstellung von bis zu 3,5 Prozent auf 0,2 Prozent.

Pucken mit Beinfreiheit - In einigen Industrieländern erlebt die Wickelmethode aber seit einigen Jahren wieder einen Aufschwung - so auch in Deutschland. "Konkrete Zahlen gibt es jedoch nicht, da Fallbeschreibungen oder Studien fehlen", sagt Seidl.

In Südaustralien melden Forscher, dass sich die Fälle von sekundären Hüftdysplasien häufen: Die Fälle der Hüftfehlstellungen nach dem dritten Lebensmonat verdreifachten sich von 0,22 pro 1.000 Geburten (in den Jahren zwischen 1988 bis 2003) auf 0,77 pro 1.000 Geburten (2003 bis 2009). Und das, obwohl das frühkindliche Hüftscreening unverändert durchgeführt wurde. "Die Ursachen für diese Entwicklung der letzten Jahre sind nicht ganz klar, aber ein Zusammenhang mit dem Pucken ist sehr wahrscheinlich", sagt Seidl.

Die Kinderorthopädin Schulze ist etwas vorsichtiger: "Untersuchungen an verschiedenen ethnischen Gruppen müssen sehr vorsichtig interpretiert werden." Ein kausaler Zusammenhang könne nicht hundertprozentig nachgewiesen werden, dafür müssten Untersuchungen mit zufällig zu einer Studien- und einer Kontrollgruppe zugeordneten Babys durchgeführt werden. Ethisch seien solche Versuche an Neugeborenen aber nicht vertretbar.

Insgesamt seien Hüftdysplasien, die sich erst nach der Geburt entwickeln, zudem selten, betont Schulze. Wie viele es in Deutschland sind, ist unklar, da aussagekräftige Studien oder ein Register fehlen. Die Orthopädin meint dennoch: "Mit Blick auf die Hüftentwicklung stehen wir dem Pucken kritisch gegenüber." Seidl ergänzt: "Wenn Eltern pucken wollen, sollten sie auf ausreichend Beinfreiheit achten und die Hüften nicht in Streckstellung wickeln."

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