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Unterwassertunnel in Norwegen

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Baku, 4. August, AZERTAC

Fjorde machen Norwegens Schönheit aus. Doch sie bremsen Autos und Wirtschaft. Das Verkehrsministerium will die nötigen Fähren ersetzen und überlegt weltweit Einmaliges: schwebende Tunnel unter Wasser.

Urlauber lieben sie, doch den Menschen im Land sind sie oft eine Last: mehr als 1000 Fjorde ziehen sich durch Norwegen. Die weit ins Festland ragenden Meeresarme bremsen die Wirtschaft, zwingen den Verkehr immer wieder auf Fähren. Norwegens Regierung steuert nun gegen. Sie plant eine rund 37 Milliarden Euro teure Offensive mit einer weltweit einmaligen Idee: Schwebende Tunnel könnten die Schärenküsten verbinden.

Wie aus einem Science-Fiction-Film muten die Pläne der norwegischen Verkehrsbehörde an, die bis 2035 die wichtige Westroute von Kristiansand im Süden ins nördlichere Trondheim mit neuesten Technologien beschleunigen will. Ingenieure feilen daran, Tunnel an schwimmende Plattformen anzuhängen und so die sieben auf der Strecke bisher nötigen Fähren zu ersetzen.

Durch zwei Röhren mit je zwei Fahrspuren könnten Autofahrer dann gut 30 Meter unterhalb der Wasseroberfläche die teils viele Kilometer langen Fjorde queren. Breite Trassen verbinden in den Projektplänen die Tunnelröhren, die zusätzlich am Meeresboden verankert werden sollen. Die Pontons an der Wasseroberfläche würden so weit auseinanderliegen, dass Schiffe ungehindert passieren könnten.

Für die rund 1200 Kilometer lange Fahrt von Kristiansand nach Trondheim brauchen Autos und Lastwagen heute mehr als 20 Stunden. Bald soll es halb so lang dauern. Dadurch könnte die wirtschaftlich bedeutende Westregion, aus der 57 Prozent der exportierten Waren Norwegens stammen, Auftrieb erhalten. Die Kosten für den Transport per Lkw ließen sich nach Rechnung des Verkehrsministeriums so bis 2050 halbieren.

Nur ähnlich komplexe Alternativen - Ob das Großprojekt mit Schwebetunnel gelingt, ist noch nicht ausgemacht. Doch den Norwegern ist es ernst mit dem Geschwindigkeitsschub, der Plan steckt bereits tief in der Entwicklungsphase. Von einstigen finanziellen Zielen hat sich das Ministerium längst verabschiedet. Bei den ersten Plänen für die Küstenstraße E39 im Jahr 2012 veranschlagte es noch lediglich 13 Milliarden Euro. Nun könnte es fast drei Mal so viel werden.

Das Problem vieler dieser Meeresarme. Ihre Tiefe macht normale Tunnel oder Brückenpfeiler im Wasser unmöglich. Der Sognefjord etwa, der zuerst für eine Querung ausgewählt wurde, ist 1500 Meter tief.

Auch über andere Fjord-Querungen ohne Fähren wird nachgedacht, darunter auf Pontons schwimmende Brücken. Sie, so eine der Ideen, könnten beispielsweise mit den Tunneln kombiniert werden. Hängebrücken stehen ebenso auf der Liste möglicher Lösungen, doch auch sie wären kein leichtes Unterfangen. Norwegen müsste dafür neue Rekorde aufstellen: Eine Brücke über den Sognefjord von Oppedal nach Lavik müsste 3700 Meter überspannen, drei Mal so viel wie die Golden-Gate-Brücke in San Francisco. Ihre Pfeiler würden 450 Meter hoch ragen, 150 Meter höher als der Eifelturm.

Schwebetunnel als Energielieferanten - Ein Vorteil der Wassertunnel: Das raue Wetter an Norwegens Küste könnte ihnen kaum etwas anhaben. Für die Idee arbeitet die Regierung etwa mit der Ölindustrie zusammen, die durch Offshore-Anlagen viel Erfahrung mit im Wasser verankerten Bohrplattformen besitzt. Zugleich feilen Ingenieure bereits daran, die Schwebetunnel durch das Ausnutzen von Wellenbewegungen mit speziellen Geräten zur Energiegewinnung zu nutzen.

Ingenieure berechnen derzeit zugleich die Risiken der neuartigen Unterwassertunnel. Die Struktur des Meeresbodens ist oft unerforscht, die Wirkung von Wind und Wellen auf ein Tunnelsystem ebenso. Können die Fundamente im Stein die hohen Kräfte halten?

Auch sinkende Schiffe oder Explosionen werden als ernsthafte Gefahr gesehen. Vergangenes Jahr ging in dem auf der E39 konventionell unter Wasser gebauten Skatestraum-Tunnel 300 Meter nördlich von Bergen ein Tankwagen mit mehr als 16.000 Litern Benzin in Flammen auf. Niemand wurde ernsthaft verletzt. Dennoch zeigen sich Techniker unsicher, wie die neuartigen Tunnelkonstruktionen solch einen Horrorunfall sicher überstehen würden und welche Fluchtwege möglich sind.

Schon Ende der Achtzigerjahre hatte Norwegen im Wasser schwebende Tunnel überlegt, doch das Vorhaben nie umgesetzt. Auch in anderen Ländern wie Italien, den USA und Japan kamen Ingenieure auf solche Ideen - keine davon überlebte die Projektphase. Norwegens Ministerium kennt die früheren Pläne. Dennoch wollen die zuständigen Ingenieure die Schwebetunnel in den Testlauf schicken. Jetzt entscheidet die Regierung, ob sie dem weltweiten Novum zustimmt.

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