Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Die Erde erwärmt sich laut Hochrechnung doch

Die Erde erwärmt sich laut Hochrechnung doch

Baku, den 16. November (AZERTAG). Die Klimaerwärmung scheint seit Jahren zu stocken. Jetzt aber besagt eine Studie, dass es diese Pause nie gegeben hat - weil die Arktis sich schneller erhitzt habe als angenommen und die globale Durchschnittstemperatur nach oben treibt. Doch die Berechnungsmethode sorgt für Streit.

Mitten in die Uno-Klimaverhandlungen in Warschau platzt eine Studie, die die Debatte ums Klima entscheidend beeinflussen könnte - indem sie das Rätsel der Erwärmungspause löst. Seit 15 Jahren hat sich die bodennahe Luft im weltweiten Durchschnitt nicht weiter aufgeheizt, so zumindest zeigen es Daten des britischen Met Office. Die Pause hat Zweifel an den Klimaprognosen gesät, denn die können die Temperaturentwicklung kaum erklären.

Aus manchen Erdteilen gibt es jedoch nur wenig Temperaturmessungen; das größte Datenloch klafft in der Arktis. Nun haben Forscher Satellitendaten von höheren Luftschichten über der Arktis mit Hilfe neuer Formeln auf den Boden übertragen. Ihr aufregendes Ergebnis. Die Arktis hat sich während der vergangenen 15 Jahre stärker erwärmt als bisher angenommen. Zählt man diesen Temperaturanstieg dazu, ergibt sich global für die letzten Jahre eine kontinuierlich fortschreitende Erwärmung, die gut zu den gängigen Klimamodellen passt. Die vermeintliche Pause wäre also schlicht mangelnden Daten geschuldet.

In der Vergangenheit hatten Klimaforscher schon diverse Erklärungen für den vermeintlichen Stillstand der globalen Erwärmung präsentiert. Der Uno-Klimabericht machte Ozeane, Sonne und Vulkanausbrüche verantwortlich. Zuletzt berichteten Forscher im renommierten Wissenschaftsblatt „Nature“, die verstärkte Wärmeaufnahme des Pazifiks könnte die Pause im Anstieg der Lufttemperatur sogar „nahezu gänzlich“ erklären. Sind all die Studien nun obsolet?

Vorhersehbare Reaktionen - Die Reaktion der Fachwelt auf die neue Analyse fällt zweigeteilt aus, je nach Haltung zum Thema: Forscher, die die Debatte um die Pause für übertrieben halten, nehmen sie dankbar als Beweis für ihre These. Skeptiker, die Vorhersagen einer erheblichen Erwärmung bezweifeln, betonen die Schwächen der neuen Analyse.

Die Berechnungen stützen sich auf ein Verfahren, das Geowissenschaftler verwenden, um Daten auf Orte zu übertragen, von denen keine Messungen vorliegen. Kevin Cowtan von der University of New York und Robert Way von der University of Ottawa haben berechnet, wie sich Temperaturen am arktischen Boden abschätzen lassen anhand von Satellitenmessungen, die Temperaturen in höheren Sphären messen, wo es kälter ist. Ihre Arbeit erscheint im Fachblatt „Quarterly Journal of the Royal Meteorological Society“.

Die beiden Wissenschaftler haben die Unterschiede von Bodenmessungen und Satellitendaten vom Rand der Arktis verglichen und diese Differenz auf die gesamte Arktis angewendet. Zu den Satellitenmessungen haben sie entsprechende Differenzwerte hinzugezählt - die Summe ergab die Bodentemperatur. Das Verfahren hätten sie zuvor erfolgreich für Regionen getestet, in denen sowohl Satelliten- als auch Bodendaten vorlägen, schreiben die Forscher.

„Ergibt keinen Sinn“ - Nachdem die Datenlücken der Arktis auf diese Weise gefüllt wurden, lautet das Ergebnis. Die globale Temperatur in Bodennähe steigt mit einem Trend von 0,12 Grad pro Jahrzehnt - dem Wert entsprechend, den der Uno-Klimarat IPCC als Langzeittrend seit Mitte des 20. Jahrhunderts angibt. Das Resultat überrasche ihn nicht, erklärt der Klimatologe Gavin Schmidt von der Nasa. Schließlich zeige das starke Schmelzen des Meereises in der Arktis, dass die Erwärmung dort fortschreite und den globalen Mittelwert nach oben treibe.

Andere Forscher sind nicht überzeugt. Sie sehe zwar ebenfalls Indizien für eine sich erwärmende Arktis, räumt Judith Curry vom Georgia Institute of Technology ein, die ebenfalls Temperaturdaten der Arktis auswertet. Die Methode von Cowtan und Way trage jedoch „nichts zum Verständnis bei“. „Sie ergibt physikalisch keinen Sinn“, meint die Atmosphärenforscherin. Das Übertragen von Temperaturunterschieden vom Festland aufs Meer oder aufs Eis sei nicht erfolgreich erprobt worden.

Curry bezieht sich unter anderem darauf, dass Messstationen der Arktis vor allem an Land stehen, die nun berechnete Region des arktischen Datenlochs aber meist von Meereis oder Wasser bedeckt wird. Die Frage ist, ob sich die Luft über den unterschiedlichen Landschaften in ähnlicher Weise mischt, so dass die Temperaturunterschiede zwischen Boden und Höhe zwischen den Regionen übertragbar wären. „Immerhin“, sagt Curry, „hat die neue Studie das Thema aufgebracht, dass wir einen Weg finden müssen, die Temperaturen in der Arktis zu ermitteln.“

Böse Ahnung - Dass Vorsicht geboten ist, hatten ähnliche Studien von der anderen Seite der Erde gezeigt. Seit 2007 etwa schienen mehrere prominent publizierte Rechnungen gezeigt zu haben, dass sich die Antarktis in Gänze erwärmen würde - zur Überraschung vieler Experten, denn der Südkontinent gilt klimatologisch als isolierter Sonderfall. Der jüngste Uno-Klimareport jedoch stellt nun fest, dass es letztlich doch nur „geringes Vertrauen“ in die betreffenden Temperaturberechnungen gebe.

Die aktuelle Studie ist auch deshalb etwas Besonderes, weil beide Autoren Neueinsteiger sind: Cowtan forscht in der Kristallografie, Way ist Student in der Geografie; beide schreiben immerhin für eine Internetseite, die Klimaskeptiker überführen möchte. Doch die Konstellation lässt nichts Gutes ahnen. Die letzten Quereinsteiger, die die Klimaforschung aufgeschreckt hatten, werden noch heute als Laien tituliert: Der Ökonom Ross McKitrick und der Bergbauexperte Steve McIntyre hatten die Aussagekraft des sogenannten Hockeyschläger-Diagramms in Frage gestellt, der wohl berühmtesten Klimakurve.

Vielleicht auch deshalb geben sich Cowtan und Way zurückhaltend: „Wir sind nicht der Meinung, dass allein unsere Studie die Frage der Erwärmung klären kann. Aber wir hoffen, dass wir eine lebhafte Debatte auslösen.“

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