GESELLSCHAFT


Genanalysen zeigen: Wie schwer ein Mensch an Covid-19 erkrankt

Baku, 10. Juni, AZERTAC

Warum spüren manche Menschen kaum etwas von einer Infektion mit Sars-CoV-2 und andere erkranken schwer? Warum haben die einen nur leichte Halsschmerzen, während die anderen beatmet werden müssen oder sogar an Covid-19 sterben? Auch nach rund sechs Monaten, die das Virus mindestens schon zirkuliert, können Wissenschaftler diese Frage noch nicht abschließend beantworten.

Aber sie haben Erklärungsansätze zusammengetragen - und es kommen neue hinzu: Neben dem Alter, Vorerkrankungen und Rauchen, neben einem überreagierenden Immunsystem und einer veränderten Blutgerinnung, die offenbar den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung beeinflussen können, bringen Wissenschaftler jetzt einen weiteren Faktor ins Spiel: die Blutgruppen.

Wie Forscher um den Molekularbiologen Andre Franke von der Universität Kiel und den norwegischen Internisten Tom Karlsen von der Universität Oslo jetzt in einem sogenannten Preprint berichten, haben Menschen mit der Blutgruppe A ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf und jene mit der Blutgruppe 0 das geringste. Bei einer Preprint-Veröffentlichung handelt es sich um vorläufige Studienergebnisse, da diese noch nicht von unabhängigen Wissenschaftlern begutachtet wurden.

Zwei auffällige Genabschnitte - Für ihre Analysen suchten die Forscher im Erbgut von 1610 schwer erkrankten Patienten aus Italien und Spanien, die entweder eine Sauerstofftherapie benötigten oder beatmet wurden, nach Hinweisen auf genetische Auffälligkeiten. Das gelang durch den Vergleich mit der DNA von 2205 gesunden Menschen aus der Bevölkerung. Die Forscher analysierten dabei mehr als 8,5 Millionen sogenannte SNPs (sprich Snips), Abschnitte auf der DNA, die natürlicherweise von Mensch zu Mensch variieren und in den Varianten unterschiedlich häufig in verschiedenen Bevölkerungsgruppen auftreten.

Zwei SNPs fielen bei den Untersuchungen auf: Der erste liegt auf Chromosom 3 in der Nähe jenes Gens, das für die Herstellung des Enzyms ACE verantwortlich ist. Dieses reguliert unter anderem den Blutdruck mit. In mehreren Studien hatten Forscher bereits Hinweise darauf gefunden, dass die Rezeptoren für dieses Enzym eine Rolle spielen könnten bei der Infektion mit Sars-CoV-2.

Der zweite auffällige SNP liegt auf Chromosom 9 an jener Stelle, die darüber entscheidet, welche Blutgruppe der Träger hat. Die Studienteilnehmer mit Blutgruppe A hatten demnach ein rund 50 Prozent erhöhtes Risiko, dass die Erkrankung einen schweren Verlauf nimmt. Teilnehmer mit der Blutgruppe 0 hingegen scheinen einen gewissen Schutz zu haben. Der Arzt und SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach twitterte dazu:

Die Untersuchung bestätigt Analysen aus anderen Ländern: Bereits im März waren chinesische Wissenschaftler in einer Genanalyse von mehr als 2000 Covid-19-Erkrankten zu dem Ergebnis gekommen, dass Patienten mit Blutgruppe A ein höheres Risiko haben könnten. Sie hatten damals aber darauf verwiesen, dass die Daten durch weitere Untersuchungen bestätigt werden müssten.

Eine US-amerikanische Gruppe hatte dann im April ebenfalls ein Preprint veröffentlicht. Auch diesem zufolge haben Blutgruppe-A-Träger ein höheres Risiko für einen schweren Verlauf als Blutgruppe-0-Träger. In dieser Untersuchung hatten die Forscher auch noch nach dem Rhesusfaktor unterschieden. Einen Zusammenhang konnten sie ihren Analysen zufolge nur bei Patienten mit positivem Rhesusfaktor finden.

Botenstoffe, Antikörper, Gerinnungsfaktoren - Doch warum sollte die Blutgruppe beeinflussen, wie stark ein Mensch erkrankt? An dieser Stelle sind die Wissenschaftler noch auf der Suche und gehen bereits Hinweisen nach. So beschreibt die Gruppe um Franke und Karlsen, dass der SNP am Genort für die Blutgruppe ebenfalls assoziiert ist mit bestimmten Entzündungsbotenstoffen, den sogenannten Interleukinen. Von diesen ist aus anderen Studien bekannt, dass sie bei manchen Patienten bei einer Überreaktion des Immunsystems in extremen Mengen ausgeschüttet werden. Das kann für die Betroffenen tödlich enden.

Auch könnte das Gerinnungssystem eine Rolle spielen, so eine These. Genetische Variationen an der Stelle, die über die Blutgruppe entscheidet, seien auch mit gerinnungsfördernden Faktoren verbunden, schreiben die Wissenschaftler. Seit Jahren ist bekannt, dass Menschen mit der Blutgruppe 0 eine geringere Konzentration an bestimmten Gerinnungsfaktoren haben. Wenn das Gerinnungssystem aktiviert wird und weniger Gerinnungsfaktoren vorhanden sind, könnten dadurch möglicherweise auch die Auswirkungen geringer ausfallen. Bekannt ist, dass Sars-CoV-2-Infektionen das Risiko für Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Lungenembolien erhöhen.

Die Chinesen spekulieren in ihrer Studie zudem darüber, ob auch die Antikörper, die im Blut der jeweiligen Blutgruppenträger zirkulieren, eine Rolle spielen könnten. Die Theorie dahinter ist, dass die Antikörper, die Menschen mit der Blutgruppe 0 in sich tragen, möglicherweise auch das Virus beeinflussen.

Sollten die Ergebnisse aus den Preprint-Studien haltbar sein, könnten sich daraus verschiedene Konsequenzen für die Patienten ergeben, folgern die Autoren der chinesischen Untersuchung: Menschen mit Blutgruppe A könnten sich verstärkt schützen und ein Blutgruppentest in Zukunft möglicherweise bei der Versorgung von Sars-CoV-2-Infizierten helfen. Zudem bräuchten Covid-19-Patienten mit Blutgruppe A möglicherweise eine engmaschigere Überwachung und intensivierte Therapie.

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