GESELLSCHAFT


WHO drei weitere Medikamente gegen Covid-19 in eine groß angelegte, internationale Studienreihe aufgenommen

Baku, 11. Mai, AZERTAC

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat drei weitere mögliche Medikamente gegen Covid-19 in eine groß angelegte, internationale Studienreihe aufgenommen. An dem neu aufgelegten sogenannten Solidarity Trial können Forschungsteams weltweit teilnehmen, mit so wenig bürokratischem Aufwand wie möglich. Dadurch soll die Suche nach einem Medikament gegen die vom Coronavirus ausgelöste Krankheit Covid-19 beschleunigt werden.

In einem ersten Schritt waren im vergangenen Jahr zunächst vier Kandidaten und deren Kombinationen getestet worden, die vor allem die Ausbreitung des Virus im Körper verhindern sollten. Diese brachten in der Therapie von Covid-19 jedoch nicht den erhofften Durchbruch. In der nächsten Phase sollen deshalb nun Medikamente getestet werden, die Entzündungen hemmen. Dieser Therapieansatz hat sich bei schwer erkrankten Covid-19-Patienten bereits als vielversprechend erwiesen.

Die Wirksamkeit dieser Medikamente gegen Covid-19 soll nun genauer untersucht werden:

Infliximab gehört zu den monoklonalen Antikörpern. Es richtet sich jedoch nicht gegen das Coronavirus selbst, sondern wird zur Therapie bei Autoimmunerkrankungen wie Morbus Crohn und rheumatischer Arthritis eingesetzt. Es blockiert ein Protein, das von Immunzellen, sogenannten Makrophagen, freigesetzt wird und Entzündungen fördert.

Imatinib wird normalerweise zur Krebstherapie eingesetzt. Forscher hoffen, dass es womöglich auf gleich zwei Wegen einen Therapievorteil bringt. Zum einen könnte es verhindern, dass das Virus in menschliche Zellen einfällt und dadurch die Ausbreitung des Erregers dämpfen. Zum anderen soll es die Aktivität von Proteinen herabsetzen, die Entzündungen fördern, sogenannter Zytokine.

Artesunat wurde ursprünglich entwickelt, um einzellige Parasiten zu bekämpfen, die Malaria verursachen. Es hat darüber hinaus auch potenziell entzündungshemmende Eigenschaften.

“Wir brauchen Medikamente, die wir an viele Länder liefern können“

Alle Medikamente, die in die Studienreihe aufgenommen werden, sind bereits zur Therapie anderer Erkrankungen zugelassen. Das hat den Vorteil, dass sie schnell in klinischen Studien eingesetzt werden können, weil sie bereits aufwendige grundlegende Tests bestanden haben. Komplett neue Mittel müssten erst nachweisen, dass sie gut verträglich für den Menschen sind. Das kostet Zeit.

Ob Medikamente gegen Autoimmunerkrankungen, Krebs und Malaria auch tatsächlich bei Covid-19 wirksam sind, muss sich jedoch erst zeigen. Die drei Wirkstoffe seien ausgewählt worden, weil kleinere Studien bereits Hinweise auf eine mögliche Wirksamkeit geliefert haben und sie auch in größerem Maßstab verfügbar sind, sagte John-Arne Røttingen. Der wissenschaftliche Direktor des norwegischen Instituts für öffentliche Gesundheit leitet den Lenkungsausschuss des Solidarity Trials.

"Wir brauchen zumindest vielversprechende Signale, dass einige der Wirkstoffe funktionieren könnten", sagte er dem Fachblatt "Nature". "Und wir brauchen Medikamente, die wir an viele Länder liefern können."

Wenn ein Medikament gefunden wird, das Covid-19 zuverlässig heilt und schwere Verläufe verhindert, wäre das ein Durchbruch. Krankenhausbetten blieben leer, Todesfälle würden verhindert, das öffentliche Leben könnte wieder Fahrt aufnehmen. Während Impfungen gegen das Coronavirus im Rekordtempo entwickelt werden konnten, lässt der große Durchbruch in der Medikamentenforschung allerdings auf sich warten.

Der Grund: Anders als Bakterien, die sich mit Antibiotika bislang zuverlässig ausschalten lassen, ist Viren mit Medikamenten deutlich schwerer beizukommen. Im Gegensatz zu Bakterien vermehren sich Viren nicht selbst. Sie kapern Körperzellen ihres Wirts und zwingen diese dazu, unzählige Kopien des Erregers zu produzieren. Viren direkt anzugreifen, bringt deshalb wenig. Sie müssen stattdessen daran gehindert werden, überhaupt erst in die Zellen einzudringen.

Als der Solidarity Trial vor gut einem Jahr startete, konzentrierten sich Forschungsteams deshalb vor allem auf Medikamente, die das Virus frühzeitig stoppen können. Doch die Studienergebnisse waren ernüchternd. "Keines der antiviralen Medikamente hat bei Krankenhauspatienten eine starke Wirkung gezeigt", sagte Røttingen.

Vermutlich wurden die Mittel zu spät angewendet. »Die antiviralen Medikamente könnten vor allem dann einen Nutzen haben, wenn sie sehr schnell gleich nach dem positiven Test eingesetzt werden«, so Røttingen.

Wenn das Immunsystem Amok läuft - Allerdings zeigte sich, dass der Entzündungshemmer Dexamethason die Genesungschancen bei schwer erkrankten Covid-19-Patienten erheblich verbessern kann. Das Mittel wird schon seit Langem bei anderen Erkrankungen eingesetzt, ist weitverbreitet und kostengünstig. Es hilft vor allem schwer erkrankten Covid-19-Patienten, für die nicht mehr das Virus an sich das Hauptproblem ist, sondern eine überschießende Reaktion des Immunsystems. Der sogenannte Zytokinsturm führt zu erheblichen Entzündungen und kann lebensbedrohlich werden.

Dexamethason bremst das Immunsystem und wird in vielen Ländern bereits als Standardmedikament bei schwer erkrankten Covid-19-Patienten eingesetzt, auch in Deutschland. Allerdings bringt es nicht bei allen Patienten den erhofften Erfolg. Die nun anlaufenden Studien sollen zeigen, ob andere entzündungshemmende Mittel die Überlebenschancen von schwer erkrankten Patienten verbessern.

Für leicht Erkrankte dürften die Mittel dagegen kaum Vorteile bringen. Solange es zu keiner Fehlreaktion kommt, wäre es kontraproduktiv, das Immunsystem von Infizierten zu hemmen. Deshalb wird weiterhin an Medikamenten geforscht, die das Virus frühzeitig stoppen.

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