Arktis wird mehr und mehr zum globalen Endlager für Plastikmüll
Baku, 29. Dezember, AZERTAC
Man sollte meinen, dass eine Kreuzfahrt eine entspannte Sache ist. Mal ein Salätchen essen, mal 'nen Gin Tonic heben. Und ansonsten schön die Füße hochlegen und rausgucken. Bei den Kreuzfahrten, die Birgit Lutz organisiert, war es allerdings zuletzt manchmal etwas anstrengender für die Gäste der Schiffe "Antigua", "Plancius" und "Noorderlicht" - denn die wurden zum Müllsammeln geschickt. Im Namen der Wissenschaft und bewacht von Eisbärenwächtern, damit es nicht zu einem ungewollten Zusammentreffen mit dem größten Landraubtier der Erde kommt.
An sechs Orten der Arktisinsel Spitzbergen haben sich Lutz und ihre Passagiere umgesehen. Es ging um die Frage, wie sehr die abgelegenen Strände mit Zivilisationsrückständen belastet sind. Die Fundorte wurden per GPS vermessen, der Müll gewogen, kategorisiert - und eingesammelt.
Forscher vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) in Bremerhaven haben die Funde inzwischen ausgewertet und die Ergebnisse im Fachmagazin "Marine Pollution Bulletin" veröffentlicht, Lutz ist eine der Co-Autorinnen des Artikels. Das erschreckende Fazit: Die untersuchten Strände in der entlegenen Arktis sind ungefähr genauso stark belastet wie Küstenabschnitte in deutlich dichter besiedelten Gebieten. Der Plastikmüll hat längst die Arktis erreicht.
Der aufgesammelte Abfall besteht vor allem aus Kunststoffen, je nach Strand waren es zwischen 82 und 100 Prozent der Funde. Damit liegt die Arktis über dem globalen Durchschnitt, wo etwa 72 Prozent allen Mülls am Strand aus Plastik bestehen. Der Großteil des Mülls stammt aus der Fischerei, wie auch eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern des Norwegischen Meeresforschungsinstituts zeigt.
Die arktischen Strände sind also müllbelastet, wie auch eine Untersuchung aus Alaska zeigt. Dort wurden allein auf 80 Strandkilometern mehr als zehn Tonnen Müll eingesammelt, vor allem Plastik. Doch die menschlichen Hinterlassenschaften finden sich nicht nur an den Küsten, sondern auch am Boden der Tiefsee und - in Form winziger Partikel - sogar in den Eisschollen, die den Ozean bedecken.
Mit den Eisschollen hat sich unter anderem Rachel Obbard vom Dartmouth College Hanover, (US-Bundesstaat New Hampshire) befasst. Sie berichtete zusammen mit Kollegen, dass die Konzentration von Mikroplastik in den Schollen um mehrere Größenordnungen selbst über der von belasteten Meeresgebieten im Bereich der bekannten großen Müllstrudel liegt.
Mikroplastik auch im Sediment - Und auch in der Tiefsee sieht es nicht gut aus. Im vergangenen Jahr beschrieben Melanie Bergmann und ihre Kollegen in den "Oceanographic Research Papers" Beobachtungen am Tiefseeboden der Framstraße zwischen Grönland und Spitzbergen. Dort gibt es nicht nur im weltweiten Vergleich überdurchschnittlich viel Müll. Die Menge hat über die vergangenen Jahre auch noch merklich zugenommen: Allein zwischen 2002 und 2014 stieg die Zahl der Müllteile von rund 3600 auf mehr als 6300 pro Quadratkilometer.
Bergmanns wichtigstes Arbeitsgerät ist das "Ocean Floor Observation System", kurz Ofos. Es hängt an einem Stahlseil hinter einem Forschungsschiff und wird etwa eineinhalb Meter über dem Ozeanboden entlanggezogen. Während der Fahrt überträgt es Videobilder zum Schiff, wo die Forscher sie sofort auswerten.
Zusätzlich zu den größeren Plastikfunden am Grund der Tiefsee gibt es auch hier ein Mikroplastik-Problem. Die Sedimente sind teils stark damit belastet, wie Bergmann und ihre Kollegen im Sommer berichteten. Die höchsten Werte fanden die Forscher übrigens an den nördlichsten Messpunkten, was sie vermuten lässt, dass die Plastikteilchen aus schmelzenden Eisschollen auf den Meeresgrund rieseln.