China baut sich sein Silicon Valley
Baku, den 20. Februar (AZERTAG). Kopieren war gestern, bis 2020 will China Kreativ-Supermacht werden. Die kommunistische Regierung investiert Milliarden - und feiert erste Erfolge. Zehntausende Gründer zieht es nach Peking. In der Hauptstadt entsteht ein IT-Kosmos, der dem Silicon Valley immer ähnlicher wird.
Die Verwandlung der Betty Tong begann mit einem Zitat von Deng Xiaoping, des großen chinesischen Reformers. „Mozhe shitou guohe“, lautet es. „Taste nach den Steinen und überquere den Fluss.“ Betty sagt, es bedeute so viel wie: „Wenn du in deinem Leben etwas Schwieriges schaffen willst, arbeite dich langsam dahin vor.“ Es wurde ihr Lebensmotto, als sie die Uni schmiss, ihren Job kündigte - und ein Start-up gründete.
In den USA gibt es solche Geschichten zu Tausenden. Betty aber lebt mitten in China. Ihr momentaner Arbeitsplatz ist das Garage Cafe, der erste Ort in Peking, der nahezu ausschließlich von Start-up-Unternehmen bevölkert wird. Es ist eine junge Generation, die dem Mythos des Gründers nacheifert. Der Geschichte des armen Schluckers, der eine geniale Idee hat, damit unendlich reich wird und vielleicht die Welt verändert. Wer hier herkommt, lernt ein China kennen, das völlig anders ist, als man im Westen glaubt.
Dies ist die Geschichte von Betty Tong, die für ihre Freiheit alles riskiert. Von einem Ort, an dem aus einer Kopiernation ein Kreativkönigreich werden soll. Die Geschichte der angehenden Supermacht China, die sich ihr eigenes Silicon Valley baut. Und sie beginnt ausgerechnet mit Planwirtschaft.
Menschen wie Betty und Orte wie das Garage Cafe dürfen existieren, weil die Kommunistische Partei existentielle Sorgen hat. Die Löhne steigen rapide, China kann bald nicht länger nur Billigproduzent westlicher Waren sein. Wenn die Wirtschaft weiter wachsen, wenn das Volk weiter Arbeit haben soll, muss sich China rasch entwickeln. Die Partei hat deshalb eine neue Nationale Richtlinie festgelegt: das Ziel von der „Forschungssupermacht“.
Bislang hat das Land vor allem die Produkte westlicher Firmen abgekupfert, hat Unternehmen nur ins Land gelassen, wenn sie einen Teil ihres Know-hows preisgaben. Doch das bringt China nur langsam voran. Ausländische Konzerne lassen günstig produzieren und verkaufen Produkte mit hohen Gewinnen weiter. Chinesische Firmen schaffen es trotz Wissenstransfers nur selten, ihnen Konkurrenz zu machen. Im Hochtechnologiesektor konnten sie fast keine Weltmarken aufbauen. Ein Großteil der Wertschöpfung fließt noch immer ins Ausland. Nun ändert sich die Strategie. „Zizhu chuangxin“, lautet das Motto, Innovation aus eigener Kraft. Um die Kreativität der Nation zu entfachen, sollen die Forschungsausgaben bis 2020 auf 402 Milliarden Dollar anschwellen und sogar die der USA übertreffen.
In Peking läuft dieses Experiment bereits an. Zwischen der 4. und der 5. nördlichen Ringstraße, unweit des alten kaiserlichen Sommerpalastes, gibt es ein Viertel, dessen Zungenbrechernamen man sich merken sollte: Zhongguancun. Schon jetzt weht dort ein Hauch von San Francisco.
Im Viertel ragen Elektromärkte teils 18 Stockwerke in die Luft, Konsumtempel, gepflastert mit Neonreklamen, in denen es vom Platinenteilchen bis zum Server-Regal so ziemlich alles gibt. Dort glitzern die Bürotürme von IT-Riesen wie Google, IBM und Microsoft und von heimischen Marktführern wie Sina und Tencent. Dazwischen liegen die Büros von rund zehntausend Start-ups. Dort radeln junge Menschen mit Mundschutz die breiten, baumlosen Straßen entlang, vorbei an Autos und bedenklich beladenen Motor-Dreirädern. In Zhongguancun befinden sich auch die zwei besten Hochschulen Chinas. Mittendrin, in einer kleinen Einkaufsstraße, liegt das Garage Cafe.