Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Diclofenac führt zu Massensterben

Baku, 25. August, AZERTAC

Seit zwei Jahrzehnten sinkt die Zahl der Bengalgeier auf dem Indischen Kontinent dramatisch. Nun versucht der Staat, das Sterben durch Futterlieferungen aufzuhalten. An der Ursache des Problems geht das allerdings vorbei.

Der Bengalgeier war in den Achtzigerjahren der vielleicht häufigste Greifvogel der Welt. Heute ist er vom Aussterben bedroht. Naturschützer in Indien versuchen, den Bestand zu erhalten und hoffen, dass sich die Tiere wieder stärker fortpflanzen. Ideen zur Geier-Rettung gibt es mehrere.

Im Tierschutzgebiet Phansad gibt es etwa sogenannte Geier-Restaurants. Inmitten einer Lichtung, zwischen großen Bäumen, auf denen sich die Aasfresser niederlassen können, wird Futter auf den steinigen Boden gelegt. „Alle drei bis vier Tage bringen wir einen Kadaver an“, sagt Sunil Limaye, oberster staatlicher Tierschützer im westindischen Pune und damit verantwortlich für den Phansad-Wald. Das können Rinder, Schafe oder Ziegen sein.

„Die Ergebnisse sind bisher gut: Die Geier legen Eier“, sagt Limaye. Er hofft, dass bald auch die Vögel in anderen Teilen des Bundesstaats Maharashtra und in ganz Indien so gefüttert werden.

Tatsächlich haben die Geier in Südasien jede Unterstützung nötig, seit ein Massensterben vor zwei Jahrzehnten einen Großteil der Aasfresser-Populationen auslöschte. Auslöser war das entzündungshemmende Medikament Diclofenac.

Es stammt aus der Humanmedizin, wird seit den Neunzigerjahren aber auch bei Nutztieren eingesetzt. Fressen die Geier tote Tiere, denen das Medikament jüngst verabreicht wurde, sterben sie an Nierenversagen. „Das einstige Millionenheer der Geier ist auf klägliche Reste zusammengeschrumpft“, berichtet Olaf Tschimpke, Präsident des Naturschutzbundes Nabu.

Die Zahl der Bengalgeier - einst die wohl häufigste Greifvogelart der Welt - ist auf dem indischen Subkontinent laut Weltnaturschutzunion IUCN seit Mitte der Neunzigerjahre um mehr als 99 Prozent eingebrochen. In Indien, Nepal und Pakistan ist die Art vom Aussterben bedroht. Von den einst Millionen Tieren sind laut IUCN noch etwa 2500 Fortpflanzungsfähige übrig - Tendenz fallend. Auch Indiengeier und Schmalschnabelgeier gibt es kaum noch.

Brutprogramm statt Fütterung - Der indische Raubvogel-Biologe Vibhu Prakash setzt sich seit Jahrzehnten für den Erhalt der Art ein, allerdings auf ganz anderem Weg als der Staat. Seine Bombay Natural History Society (BNHS) setzt auf ein Brutprogramm. „Wir haben Jungvögel gefangen und großgezogen. Deren befruchtete Eier brüten wir aus und werden bald damit beginnen, diese nächste Generation wieder in die Wildnis zu entlassen“, erklärt er.

Vom staatlichen Fütterungsprogramm hält Prakash nicht viel. „Es gibt ausreichend Lebensräume, keine wirklichen Feinde und genügend Nahrung für die Geier, sowohl Wild- als auch Haustiere“, sagt er. Selbst wenn das Aas einmal knapp werden sollte, könnten die Vögel mit teils über zwei Meter Flügelspannweite leicht Hunderte Kilometer weiter fliegen. „Das wahre Problem ist, dass weiterhin Diclofenac verwendet wird.“

Zwar ist das Medikament seit 2006 in der Tiermedizin verboten, doch wird es weiter in Apotheken zur Anwendung am Menschen verkauft - in Mehrfachdosen, die zusammengenommen auch für eine Kuh oder ein Rind ausreichen.

Die BNHS untersucht immer wieder landesweit Kadaver und hat herausgefunden, dass noch immer sechs Prozent der Proben für Menschen bestimmtes Diclofenac enthalten. Das ist halb so viel wie vor dem Verbot - aber zu viel, als dass sich der Bestand erholen könnte. „Verhungerte Vögel finden wir jedoch nicht“, sagt Prakash.

Die Tierschutzorganisation Ela kommt nach einer Auswertung von Video-Daten zu einem anderen Ergebnis. Unterstützt vom Bundesstaat Maharashtra hat sie in diesem Jahr zahlreiche Kameras an Klippen und Bäumen installiert. Von den 15 so beobachteten Geier-Küken seien sieben gestorben, weil sie nicht gefüttert wurden, sagt der Ornithologe Satish Pande von Ela.

Es gebe längst nicht mehr so viele Kadaver wie früher, weil die indischen Bauern angehalten würden, die toten Tiere zu vergraben oder mit Pestiziden zu besprühen. Deswegen seien die Geier-Restaurants nötig.

Auch Nabu-Vogelschutzexperte Lars Lachmann meint, die Fütterungen der Geier seien sinnvoll, da die Kadaver Diclofenac-frei seien. „So kann man ein paar Tiere retten, die sonst vielleicht vergiftetes Fleisch gefressen hätten.“

Auch in Spanien gebe es diese Geier-Fütterungen an bestimmten Plätzen, sagt Lachmann. „Dann müssen die Kadaver der verendeten Haustiere nicht irgendwo in der Landschaft liegen.“ Doch Lachmann macht sich trotzdem Sorgen um die Geier in Europa: Seit 2013 ist Diclofenac auch in Spanien und Italien zum Einsatz an Nutztieren zugelassen.

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