Forscher finden im Nordatlantik viel mehr Nanoplastik als erwartet
Baku, 11. Juli, AZERTAC
In den Ozeanen könnte sich deutlich mehr Kunststoff befinden als bislang weithin angenommen. Bei der Messung von Plastikteilchen im Bereich von Nanometern – das sind Millionstel Millimeter – entdeckten Wissenschaftler, dass deren Masse vermutlich größer ist als die von sichtbaren Kunststoffen und Mikroplastik zusammengenommen.
Die Messdaten stammen von zwölf Stellen im Nordatlantik, von küstennahen Meeresgebieten bis zur Tiefsee, vom gemäßigten Klima bis zu den Subtropen. Die Studie einer Forschergruppe um Dušan Materić vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig ist in der Fachzeitschrift „Nature“ erschienen. „Sie sind überall in so großen Mengen vertreten, dass wir sie ökologisch nicht mehr vernachlässigen können“, bilanzierte der Chemiker die Arbeit.
Für die oberste Wasserschicht, in die das Sonnenlicht eindringt und die vom Wind durchmischt wird, rechneten Materić und Kollegen eine Masse von 27 Millionen Tonnen allein für den Nordatlantik hoch. „Das ist etwa die gleiche Größenordnung wie die geschätzte Masse am Makro- und Mikrokunststoff für den gesamten Atlantik“, wird Materić in einer Mitteilung seines Instituts zitiert.
Damit mache Nanoplastik einen großen Teil an der Plastikverschmutzung der Meere aus, heißt es weiter. „Noch vor ein paar Jahren war umstritten, ob es überhaupt Nanoplastik gibt. Unsere Ergebnisse zeigen nun, dass zumindest in diesem Ozeansystem die Masse von Nanoplastik mit derjenigen von Makro- und Mikroplastik vergleichbar ist“, sagt er.
Kunststoffe aus Plastikflaschen oder Einwegtrinkbechern - Im Durchschnitt aller Messstellen fanden die Studienautoren in zehn Meter Tiefe 18,1 Milligramm Nanoplastik pro Kubikmeter Wasser, in Küstennähe waren es 25 Milligramm. In der Nähe des Meeresbodens lag der Durchschnitt bei 5,5 Milligramm pro Kubikmeter, wie AZERTAC unter Berufung auf Spiegel berichtet.
Aber welche Arten von Plastik handelt es sich? Für die Forscher überraschend war, dass in den Proben nicht die verbreiteten Kunststoffe Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP) nachgewiesen werden konnten. „Es gibt sehr viel PE-/PP-Mikroplastik an der Meeresoberfläche, aber wir fanden keine PE-/PP-Nanopartikel, die beispielsweise infolge von Sonneneinstrahlung oder Abrieb durch den Wellengang hätten entstehen können“, erklärte Materić. Stattdessen fanden sie Polyethylenterephthalat (PET), Polystyrol (PS) und Polyvinylchlorid (PVC), alles häufig verwendete Kunststoffe, aus denen beispielsweise Ein- und Mehrwegplastikflaschen, Folien oder Einwegtrinkbecher und Einmalbesteck bestehen. In der Tiefsee war nur noch PET zu finden.
In einem Kommentar, ebenfalls in „Nature“, schreibt Katsiaryna Pabortsava vom National Oceanography Centre im britischen Southampton: „Obwohl Wissenschaftler große Fortschritte beim Verständnis des Ausmaßes der Meeresverschmutzung durch Mikroplastik erzielt haben, ist über die Nanoplastik-Abfälle fast nichts bekannt.“ Sie hält die 27-Millionen-Tonnen-Schätzung von Materić und Kollegen für eher zu niedrig als zu hoch, weil sich Nanoplastik auch an größeren Partikeln, wie Ansammlungen von organischem Material, oder im Körper von Meeresorganismen befinden könnte.