Forscher simulieren Vesuv-Ausbruch
Baku, den 27. April (AZERTAG). Jederzeit kann der Vesuv erwachen. Eine Simulation zeigt nun, wie ein mittelstarker Ausbruch verlaufen würde. Hunderttausende Anwohner sind in Lebensgefahr. Das Risiko für Neapel wird offenbar unterschätzt.
Wer mag sie schon hören, die Warnungen vor Naturkatastrophen? Am wenigsten vielleicht die Anwohner des Vesuvs, dem wohl gefährlichsten Vulkan der Welt. Schon als Kind hören sie die Geschichte, wie vor fast 2000 Jahren ihre Vorfahren in Pompeji unter heißen Aschewolken starben. Und wie 1631 und 1794 selbst schwächere Eruptionen des Vesuvs Tausende in der Nähe von Neapel töteten. Wie auch 1906 und beim bislang letzten Ausbruch 1944 Menschen starben, obwohl es damals nur vergleichsweise winzige Rülpser des Vulkans waren. Und auch von den Dutzenden anderen Eruptionen der vergangenen Jahrhunderte wurde den Neapolitanern oft erzählt.
„Besser einen Tag als Löwe leben als ein Leben als Feigling“, entgegnen sie gern, wenn sie auf die Gefahr angesprochen werden. „Das Problem wird verdrängt“, sagt der Vulkanologe William Aspinall von der University of Bristol.
Doch was würde heute, wo mittlerweile drei Millionen Menschen in der Gefahrenzone siedeln, bei einem Ausbruch geschehen? Ungewöhnlich lange ruht der Vesuv, seit fast 70 Jahren schon. Kaum ein Anwohner hat noch selbst erlebt, was eine Eruption bedeuten kann; das Risiko bleibt abstrakt. Wissenschaftler vergleichen die Situation mit der von Nordost-Japan vor dem Tsunami 2011. Dort siedelten die Küstenbewohner neben Wegsteinen aus dem Mittelalter, deren Inschriften vor Riesenwellen warnten.
In Neapel sollen jetzt moderne Medien Überzeugungsarbeit leisten: „Mit einer Animation wollen wir veranschaulichen, was geschehen kann“, sagt der Vulkanologe Augusto Neri vom Instituto Nazionale di Geofisica e Vulcanologia in Italien (INGV) auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) in Wien. Das 3-D-Modell einer Vesuv-Eruption. „Wir wollen keine Panik verbreiten“, betont Neri. Die Animation sei keine exakte Vorhersage, sie zeige eine mögliche Eruption mittlerer Stärke wie jene von 1631. Solch ein Szenario sei für die kommenden Jahre am ehesten zu erwarten.
„Wir wollten wissen, wie der Aschestrom aussehen würde, welche Form, Temperatur und welchen Druck er hätte“, sagt sein Kollege Robin Spence vom privaten Forschungszentrum Cambridge Architectural Research. So lasse sich etwa einschätzen, wo noch gebaut werden dürfe. Die Erkenntnisse der Animation sind nicht ermutigend: Bei einem mittelstarken Ausbruch von rund 50 Millionen Kilogramm Asche pro Sekunde aus dem Krater „Gran Cono“ schießt eine Hunderte Meter dicke Aschesäule etwa 20 Kilometer in den Himmel.
Die erste Folge wären Wolken aus Asche und Lava, die den Himmel verdunkeln. Die tödliche Dramatik am Boden zeigt die Animation nicht, denn im Detail lässt sich nicht vorhersagen, was passieren wird. Doch der Ablauf ist bekannt. Ein Regen aus Lavasteinen prasselt auf Menschen, Straßen und Häuser. Beim großen Vesuv-Ausbruch 3800 vor Christus legte sich eine vier Meter dicke Ascheschicht auf Neapel. Bei der simulierten Eruption hingegen sind es im weiteren Umkreis nur ein paar Zentimeter, die je nach Windrichtung niedergehen. Selbst diese Menge des Gesteinpulvers kann aber ausreichen, um Dächer einstürzen zu lassen.