Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Für „Nabucco” spielt Aserbaidschan eine Schlüsselrolle

Als am 9. März 1842 im berühmten Teatro alla Scala in Mailand die ersten Takte der uraufgeführten Oper „Nabucco” („Nabucodonosor”) erklangen, konnte der große Komponist Guiseppe Verdi nicht ahnen, daß 160 Jahre später der Name dieses grandiosen Werkes erneut in Europa zirkulieren wird, wenngleich in einem völlig anderen Kontext. Die Vertreter von fünf Energiekonzernen - der österreichischen OMV, der ungarischen MOL, der bulgarischen Bulgargaz, der rumänischen Transgaz und der türkischen BOTAS - unterzeichneten im Oktober 2002 in Wien das Absichtsprotokoll über den Bau einer - damals noch namenlosen - Pipeline aus dem Nahen Osten und der Kaspischen Region nach Europa. Die Pipeline ist Teil des strategischen Programms zur Diversifizierung der Lieferungen von Energiеträgern und zur Gewährleistung der Energiesicherheit der EU-Staaten. Nach Unterzeichnung des Protokolls begaben sich die zufriedenen Teilnehmer des Treffens in die Wiener Oper, um dem Meisterwerk Verdis zu lauschen. Beim anschließenden Abendessen entschieden die Partner einstimmig, die just beschlossene Pipeline nach der just gehörten Oper „Nabucco” zu benennen. Seitdem wird das Wort, das zum Eigennamen geworden ist, immer häufiger im Munde europäischer Politiker und Analysten geführt.

Über die Jahrhunderte waren die Energieträger ohne Zweifel der wichtigste Motor der wirtschaftlichen Entwicklung der menschlichen Zivilisation. Und sie werden es auch in der Zukunft sein. Die Jahrtausende währende Evolution der Energieträger - man begann mit Holz und Torf, ging über zur Kohle, dann zu Erdöl und Erdgas sowie zur Atomenergie und weiter zu den alternativen, erneuerbaren Energiequellen - verfolgte anfänglich drei Ziele: Wärme, Licht und - in späterer Zeit - mechanische Bewegung. Aus diesen drei einst sehr banalen Zielen hat sich in diesem Jahrhundert - dem Jahrhundert des technologischen Fortschritts und der Nanotechnologien - eine unendliche Vielfalt neuer Ziele ergeben, denen allen immer noch der Zugriff auf die Energieträger zugrunde liegt. Und obwohl die Führungen der wichtigsten Industrienationen heute immer öfter von der Nutzung der Wind-, der Sonnen - und anderer erneuerbarer Energiequellen sprechen - und auch durchaus entsprechende Schritte getan werden, deren Anteil an der Energiebilanz zu erhöhen - , bleiben die Kohlenwasserstoffe, die Kontrolle über ihre Vorkommen und ihre Transportwege - sprich die Pipelines - nach wie vor im Zentrum der internationalen Politik. Die kohlenwasserstoffhaltigen Energieträger sind Gegenstand von Geheimdiplomatie und mitunter Ursache von Kriegen.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion war Europa, das sich sogar in den Jahren des kalten Krieges stabiler Lieferungen des „blauen Treibstoffs” aus dem Ural und Sibirien versichert hatte, unverhofft mit dem Auftauchen von fünfzehn neuen Staaten konfrontiert: ein Sechstel des Planeten, der in gleichmäßige rotkommunistische Farbe getaucht war, erwies sich nun als ein Nebeneinander von Staaten, wobei jeder seine eigene Färbung, seinen eigenen innenpolitischen Kurs und seine eigene internationale Orientierung aufwies. Aber nicht nur der einheitliche Sowjetstaat war zerfallen, auch das einheitliche sowjetische Energieträgertransportsystem, das die zahlreichen Vorkommen über diverse Pipelines verband, war in einzelne nationale Segmente zerfallen. In diesem Zusammenhang standen ganz neue Fragen auf der Tagesordnung. Fragen, die es in der Sowjetzeit nicht gab und nicht geben konnte, wie etwa die Aufteilung des Kaspischen Meeres und dessen völkerrechtlicher Status, die Bedingungen des Energieträgertransits über Belarus und die Ukraine, die Überwindung der Preisunterschiede und andere.

Sinnlose territoriale Ansprüche und aggressiver Separatismus stürzten den südlichen Kaukasus, diese überaus wichtige strategische Region, die unmittelbar an die reichen Erdöl- und Erdgasvorkommen der Kaspischen Region angrenzt, in den Trubel von Kriegshandlungen.

Es liegt auf der Hand, daß Europa seine Stabilität angesichts der veränderten internationalen Situation an seinen östlichen Grenzen nicht aufs Spiel setzen wollte, indem es einfach ruhig die mit dem Zerfall zu erwartenden Konflikte abwartete. Und der Gaskonflikt zwischen Rußland und der Ukraine im eisigen Winter 2008/2009 hat bewiesen, daß Europa recht getan hat, als es vor einigen Jahren Kurs auf die Diversifizierung der Lieferungen der Energieressourcen nahm und eine Reduzierung der großen Abhängigkeit von nur einem Land und einem Gasmonopolisten ansteuerte. Der neue Transportkorridor sollte eine neue Verbindung zwischen dem an Energieträgern armen Europa und den an Kohlenwasserstoffen reichen Regionen des Kaspischen Raumes und Zentralasiens schaffen, wobei das Schwarze Meer nicht nördlich, unter Einbindung Rußlands, sondern südlich umgangen werden sollte.

Dank den Anstrengungen des aserbaidschanischen Präsidenten Geidar Alijew wurde der „Vertrag des Jahrhunderts” unterzeichnet, der den Grundstein für den Bau und die Inbetriebnahme der Ölpipeline Baku-Tbilissi-Ceyhan legte (die offizielle Eröffnung des aserbaidschanischen Teilabschnitts fand am 25. Mai 2005 im Samgatschal-Terminal bei Baku statt, und die Enderöffnungs zeremonie fand am 13. Juli 2005 in Ceyhan statt.) Am 25. März 2006 wurde die 670 Kilometer lange Pipeline Baku-Tbilissi-Erzerum in Betrieb ge nommen. Bekanntlich wurden Erdöl und Erdölprodukte früher in Tankwaggons per Schie ne befördert. Und obwohl mit der Inbetriebnahme der Pipeline die Bedeutung des Eisenbahntransports bedeutend gesunken ist, wird dem Transport per Schiene als Ersatzvariante für Ausnahmesituationen auch weiterhin große Aufmerksamkeit geschenkt.

Der Bau des Eisenbahnabzweiges Baku-Achalkalaki-Kars wird heute fortgesetzt. Diese Strecke verbindet die Kaspische Region mit dem Eisenbahnnetz Europas und sie reduziert sowohl die Transportkosten als auch die Transportzeit bedeutend. Nach Abschluß der Arbeiten wird Europa durch die transkaspischen Fährverbindungen, die bereits seit mehreren Jahren bestehen und gegenwärtig modernisiert werden, mit den Ländern Zentralasiens und weiterhin mit China und dem Pazifik verbunden sein.

Trotz des anfänglichen Skeptizismus vieler Experten und Politiker, die prognosti zierten, daß diese anspruchsvollen Vorhaben nicht rentabel und nicht realisierbar seien, wurden sie doch verwirklicht oder befinden sich im Abschlußstadium. Der Erfolg gab den Urhebern der Idee der Erdgaslieferungen über den „südlichen Korridor” einen zusätzlichen Impuls. Und „Nabucco” ist gerade das Kernstück dieser großartigen Idee. Man hört übrigens auch jetzt skeptische Stimmen bei der Beurteilung dieses Projekts. So erklärte der stellvertretende Premierminister Rußlands Igor Setschin, der in der Regierung für den Wärmeenergiekomplex verantwortlich zeichnet, erst vor kurzem, daß „Nabucco” ein perspektivloses Unterfangen sei. Jedoch zeugt die erfolgreiche Realisierung der vorangegangenen milliardenschweren Projekte davon, daß auch „Nabucco” erfolgreich sein wird.

Die Pipeline ist 3 300 Kilometer lang und verbindet den Endpunkt der Pipeline Baku-Tbilissi-Erzerum in der Osttürkei mit dem Gasverteilungsterminal im österreichischen Baumgarten. Die Kosten werden vorläufig auf 7,9 Milliarden Euro veranschlagt. Im Februar 2008 schloß sich der deutsche Energiekonzern RWE „Nabucco” an und wurde zum sechsten Partner im Pipeline-Projekt. Alle Teilnehmer haben einen Anteil von einem Sechstel an dem Vorhaben.

Die Arbeit an diesem Projekt nahm man schon im Februar 2002 im Rahmen der bilateralen Verhandlungen zwischen OMV und BOTAS auf, das heißt noch vor dem berühmten Opernbesuch der Vertreter der fünf Energiekonzerne im Herbst desselben Jahres. Ursprünglich war beabsichtigt, die Pipeline mit Erdgas aus den Vorkommen des Irans im Persischen Golf zu füllen. Vor dem Hintergrund der extrem komplizierten Beziehungen mit dem Iran wurde im Jahre 2006 beschlossen, sich verstärkt auf Turkmenistan und Aserbaidschan zu konzentrieren. Und heute werden als die wichtigsten Erdgaslieferanten für „Nabucco”, deren Durchlaßkapazitäten auf 26 bis 32 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr projektiert werden, die aserbaidschanische Lagerstätte Schach-Denis sowie die turkmenischen Vorkommen Dowletabad und Yolotan-Osman betrachtet. Überlegt wird, unter Umständen die Vorkommen Khor Mor und Chemchemal im Nordiran einzubinden.

Eines der Schlüsselglieder des gesamten Projektes ist Aserbaidschan. Für „Nabucco” ist es nicht nur Erdgasproduzent und Lieferant, sondern im Falle, daß die Pläne für die Verlegung der transkaspischen Pipeline am Boden des Kaspischen Meeres realisiert werden, auch Transitland. Man wird sehen. Erst vor kurzem hat der US-Sondervertreter in Eurasien für Fragen der Energiediplomatie Richard Morningstar Turkmenistan als einen „eher unwahrscheinlichen Kandidaten” für die Rolle des Erdgaslieferanten und -produzenten genannt. Turkmenistan könne die Auslastung der Pipeline nicht vollständig sichern, hieß es, und Morningstar legte alle seine Hoffnungen auf Aserbaidschan. Das Land wird zusehends von einer Erdölmacht zu einer Erdöl- und Erdgasmacht. In den Jahren der Unabhängigkeit wurde der junge Staat zum zuverlässigen Partner, der seine vertraglichen Verpflichtungen gewissenhaft erfüllt. Die innenpolitische Stabilität und das Wirtschaftswachstum im Lande geben den europäischen Erdgasverbrauchern eine zusätzliche Sicherheit, daß der Erdgasstrom über diesen Streckenabschnitt kontinuierlich fließen wird.

Dabei ist Aserbaidschan selbst ein Anhänger der Diversifizierung seiner Kohlenwasserstofflieferungen auf den Weltmarkt. Baku unterstützt vollständig die Anstrengungen der Europäischen Union, eine sichere Energieversorgung zu gewährleisten. Führende Politiker Europas betonten mehrfach die Bedeutung des aserbaidschanischen Staates für diese Strategie. Bei der Realisierung verfolgt Baku eine unabhängige Politik und hat sich das Image eines ernstzunehmenden und zuverlässigen Partners verdient.

Die Politik Aserbaidschans kann in keinem Falle zu einer Quelle oder zu einem Grund für Hindernisse bei der Verwirklichung dieses grandiosen Vorhabens werden. Allerdings gibt es Hindernisse anderer Art, die nicht direkt von Baku abhängen und internationale Bemühungen verlangen. Bereits seit zwei Jahrzehnten wird der Südkaukasus von separatistischen Bestrebungen in Griff gehalten, deren Metastasen auch auf andere Regionen Osteuropas auswucherten. Die Aggression Armeniens gegen Aserbaidschan, die Okkupation von zwanzig Prozent des aserbaidschanischen Territoriums durch den Nachbarstaat, die ethnischen Säuberungen, die Kriegsverbrechen und die Zerstörungen verwandelten den westlichen Teil Aserbaidschans - die Region Nagorny Karabach und sieben anliegende Rayons - in eine von der aserbaidschanischen zentralen Staatsmacht unkontrollierte Zone. Die Vermittlungsbemühungen der Minsker Gruppe der OSZE waren bisher erfolglos. Die Vermittler sind mit dem Bestreben der armenischen Seite konfrontiert, den im Ergebnis der Besatzung entstandenen Status quo eher zu konservieren, als nach einer Lösung des Konflikts im Rahmen des Völkerrechtes zu suchen. Angesichts der Tatsache, daß Energiesicherheit ohne Gewährleistung von politischer Stabilität nicht zu erreichen ist, muß die internationale Gemeinschaft, hier vor allem die Europäische Union, zusätzliche Anstrengungen auf sich nehmen, um die armenische Seite zu überzeugen beziehungsweise zu zwingen, die internationalen Normen zu achten und die Notwendigkeit anzuerkennen, die Besatzung Nagorny Karabachs und der anliegenden Rayons aufzuheben und die Vertriebenen in ihre Heimat zurückkehren zu lassen.

Im Falle einer friedlichen Lösung des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts eröffnen sich für die gesamte Region enorme Möglichkeiten, von denen nicht nur die südkaukasischen Länder selbst, sondern auch die EU-Mitgliedstaaten profitieren werden. Ungeachtet der Zusammenarbeit der aserbaidschanischen SOCAR mit der russischen Gasprom und der Unterzeichnung des Abkommens über die Verdoppelung der aserbaidschanischen Gaslieferungen nach Rußland reichen die aserbaidschanischen Erdgasvorkommen im Kaspischen Meer aus, um die gesamten dreißig Milliarden Kubikmeter Gas für „Nabucco” zu liefern.

Mehr noch. Am 4. Septem ber 2010 unterzeichneten die Präsidenten Aserbaidschans, Georgiens und Rumäniens in Baku das Abkommen über die Gründung des neuen Konsortiums Aserbaidschan-Georgien-Rumänien Interconnector (AGRI), an dem alle Teilnehmer einen Anteil von jeweils einem Drittel halten. Die Leistung von AGRI wird auf acht Milliarden Kubikmeter Erdgas im Jahr ausgelegt. Das Projekt sieht den Transport aserbaidschanischen Erdgases zum georgischen Schwarzmeerhafen Poti vor, wo es dann auf Tanker umgeladen wird, die die Fracht zum rumänischen Hafen Constanta befördern (hier gibt es zwei Möglichkeiten: eine Verflüssigung oder eine Komprimierung des Gases - beides setzt den Aufbau entsprechender Terminals voraus). In Constanta wird das Erdgas wieder in seinen ursprünglichen Zustand gebracht und soll den Bedarf des rumänischen Marktes sowie interessierter anderer europäischer Länder dekken. Der ungarische Regierungschef Viktor Orban erklärte bereits die Bereitschaft seines Landes, sich dem Projekt anzuschließen.

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew versicherte seinen europäischen Partnern, daß das Land auch nach der Verdoppelung der Liefermenge nach Rußland sowohl AGRI als auch „Nabucco” füllen kann. Bekanntlich ist jedoch Erdgas ein Produkt, bei dem zuerst der Bedarf der Kunden präzisiert wird, um dann zu fördern. Es wird für konkrete Verbraucher gefördert. Im Falle von „Nabucco” sind alle diese Fragen nicht endgültig geklärt. Da es ein Gemeinschaftsvorhaben ist, müssen sich zuerst die Teilnehmer des Konsortiums verständigen, um sich dann an die Gasproduzenten zu wenden, die wiederum ihre Förderkapazität bewerten, um dann eine feste Zusicherung für die Liefermenge geben zu können.

Die Position der Republik Aserbaidschan ist klar zum Ausdruck gebracht. Als Anhänger der Strategie der Diversifizierung von Energieträgerlieferungen ist Baku eindeutig an der Realisierung der „Nabucco-Gaspipeline” interessiert. Ihre erkundeten Gasvorkommen erlauben es der Republik, an diesem Projekt zu partizipieren. Aber zugleich hat Aserbaidschan keinen Mangel an Kunden, die Weltmarkt preise für sein Gas bezahlen. Vor allem die Europäer haben ein Interesse an der Pipeline. Deshalb müssen die Teilneh mer des Konsortiums ihre An strengungen verdoppeln, um „Nabucco” real ins Leben um zusetzen, zumal sie von Brüssel (wenngleich nur verbal) und Washington unterstützt werden. Wenn der Westen keinen anderen Weg für den Transport des turkmenischen Gases sieht außer den über das Kaspische Meer, muß diese Frage durch politische und finanzielle Unterstützung gelöst werden. Auch das ist Aufgabe der Europäischen Union, da die Position Turkmenistans eine andere und auch verständlich ist: Aschchabad verkauft sein Erdgas an jeden, der es haben will, doch der Weg ab der Grenze des Landes und die Frage, auf welchem Wege das Erdgas den Verbraucher erreicht, ist nicht die Angelegenheit Turkmenistans.

Die EU kann die Zuverlässigkeit Aserbaidschans nicht anzweifeln. Doch die Voraussetzung für einen dauerhaften Erfolg des Pipelineprojektes kann und muß die Wiederherstellung des Völkerrechts in der Region des armenisch-aserbaidschanischen Konflikts und die Erreichung eines wirklich festen Friedens sein, der auf dem Prinzip der Unverbrüchlichkeit der Grenzen und des Rechts der Völker auf Selbstbestimmung im Rahmen der territorialen Integrität der Staaten beruhen muß.

Wugar Seidow, Journalist

Aserbaidschanische Staatliche Informationsagentur,

Berlin

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