Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

In Sambia breitet sich die Cholera aus

In Sambia breitet sich die Cholera aus

Baku, 5. Februar, AZERTAC

Die Helden tragen keine Fußballschuhe, sondern weiße Ganzkörperanzüge. Sie kämpfen nicht um einen Pokal, sondern um Menschenleben. Vor dem Heroes-Stadion herrscht hektisches Treiben. Die Krankenpfleger und Ärztinnen kommen verschwitzt aus dem Inneren, sie öffnen schnell ihre weißen Overalls, schnappen nach Luft. Sie haben gerade Infusionen gelegt, Körperflüssigkeiten weggewaschen, Tote gereinigt. Denn das Nationalstadion Sambias ist zum zentralen Behandlungszentrum für Cholera-Erkrankte umfunktioniert worden.

Vor den Toren des provisorischen Krankenhauses sitzen bunt gekleidete Frauen und ein paar Männer im Schatten eines Baumes. Sie warten auf Neuigkeiten von ihren Angehörigen, die drinnen um ihre Leben kämpfen. Die Gruppe springt plötzlich auf, drängt sich ans Gitter, das vor der Arena aufgestellt wurde. Eine Helferin baut sich auf der anderen Seite auf, ein Klemmbrett mit Zetteln in der Hand. Es ist Zeit für die Namensliste: Wer ist als genesen entlassen worden? Wer hat es nicht geschafft? Von wem gibt es keine Neuigkeiten, Status unverändert? Die Angehörigen hören gebannt zu, atmen auf, manche weinen.

Jennifer Chipulu ist seit drei Tagen hier, von morgens 6 Uhr bis abends, wenn es dunkel wird. Ihre 79-jährige Mutter wurde plötzlich krank, bekam Durchfall, erbrach sich. Erst wurde sie in ein lokales Krankenhaus eingewiesen, dann mit Blaulicht ins Heroes-Stadion gebracht, da war sie bereits bewusstlos. Tochter Chipulu harrt seither vor dem Gitter aus, ihren Job hat sie aufgegeben, um in der Nähe der Mutter zu sein. Doch deren Name steht auf keiner Liste, niemand kann ihr sagen, was passiert ist, ob sie noch lebt oder schon begraben wurde.

„Ich werde wahnsinnig. Ich brauche endlich Gewissheit“, sagt die Tochter. Doch niemand kann ihr helfen. In den vergangenen Wochen erging es vielen Angehörigen wie Chipulu, denn die Cholera breitet sich immer schneller aus in Sambias Hauptstadt Lusaka, und damit das Chaos.

Im Januar füllte sich das Stadion schnell, die Behörden waren überfordert. Inzwischen ist immerhin etwas Ordnung eingekehrt, die Abläufe spielen sich ein. Doch die Cholera wütet weiter ungebremst. Vor allem Alte und Kinder sterben.

Seit Wochen sind alle Schulen Sambias geschlossen, zu Beerdigungen dürfen maximal fünf Menschen, fast 600 Cholera-Tote beklagt das Land bereits. Es ist der schlimmste Ausbruch seit Jahrzehnten, und auch in den Nachbarländern Simbabwe und Mosambik wütet die Krankheit. Die Cholera breitet sich auf dem Kontinent aus.

Schuld daran sei auch der Klimawandel, sagen Experten. Sie warnen: Künftig werden solche medizinischen Notlagen häufiger, und sie treffen vor allem die Ärmsten in den Ländern des Globalen Südens - obwohl die kaum etwas zum Klimawandel beitragen. „Das ist erst der Anfang, eine Art Weckruf“, sagt Professor Roma Chilengi vom staatlichen Zambia National Public Health Institute. „Wir werden eine starke Zunahme an Krankheitsausbrüchen sehen. Die Entwicklungsländer stehen wegen des Klimawandels vor massiven Problemen. Das sollten endlich alle begreifen.“

Jessica Bwali erlebt diese Probleme tagtäglich. Sie läuft schnellen Schrittes durch eine der ärmeren Gegenden der Hauptstadt Lusaka. Die kleinen Häuser und Hütten stehen dicht an dicht, keine Straßen führen im Inneren entlang, nur verwinkelte Fußwege. Bwali bleibt häufig stehen, redet mit den Bewohnerinnen und Bewohnern, sie hört ihnen zu. Die Endzwanzigerin arbeitet für Tearfund, eine kirchliche Nichtregierungsorganisation.

Früher konnte man die Uhr nach dem Regen stellen - Sie war früher Radiomoderatorin, hostete eine landesweit bekannte Morningshow. Doch dann begannen 2019 die Stromausfälle in Sambia, wegen anhaltender Dürre. Die Dämme waren leer und Wasserkraft nicht mehr verfügbar. Bwali fing an, über die Gründe zu recherchieren. Heute ist sie eine der bekanntesten Klimaaktivistinnen im Land, geht an Schulen und fördert lokale Initiativen. „Früher kamen die Regen immer am 24. Oktober, man konnte die Uhr danach stellen. Heute warten wir manchmal bis Januar auf Niederschlag, und dann fällt plötzlich extrem viel auf einmal. Die Leute nehmen das wahr, aber sie wissen nicht, dass der Klimawandel dahintersteckt“, erzählt sie. Den aktuellen Cholera-Ausbruch sieht sie als Vorboten einer noch viel düsteren Zeit.

An diesem Mittwochvormittag hat sie ihre Gummistiefel vergessen. Sie muss in Turnschuhen über Steine springen, die in Pfützen gelegt wurden, als improvisierter Pfad. Wobei das Wort Pfütze eine maßlose Untertreibung ist, vielmehr sind es kleine Seen, die das Viertel durchziehen. Sie schimmern giftgrün, Kaulquappen ziehen darin ihre Bahnen, manchmal treibt undefinierbarer Schaum auf dem Wasser.

Dann zeigt ein Anwohner, warum sich die Cholera hier so ungehemmt ausbreiten kann: Seine Toilette, ein Außenhäuschen aus Wellblech mit Plumpsklo, wurde durch die Starkregen der vergangenen Tage geflutet. Im Wasser treiben Fäkalien, bahnen sich ihren Weg an den Häusern der Nachbarn vorbei. Idealer Nährboden für vibrio cholerae, das winzige Cholera-Bakterium, das vor allem durch verunreinigtes Wasser und Nahrungsmittel übertragen wird. „Wir atmen Tod und Krankheit ein“, ruft der Bewohner wütend.

Nebenan steht ein Bauarbeiter auf einem hüfthohen Betonsockel. Er schöpft mit einem Eimer aus der giftgrünen Suppe unter ihm, um Beton anzurühren. Auch Suzyo Daka war krank in den vergangenen Tagen, hatte Bauchschmerzen und Durchfall. Aktivistin Bwali ruft ihm ein paar Fragen zu, getrennt durch einen Wassergraben, den sie in ihren Turnschuhen nicht überqueren kann. Vom Klimawandel weiß Daka nichts, wohl aber von den Fluten hier in der Gegend. Mit ausgestreckter Hand zeigt er auf das Gebäude gegenüber, bis zum ersten Stock habe es bis vor Kurzem noch unter Wasser gestanden.

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