Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Pest, Syphilis und Ruhr hießen die Killer des Mittelalters

Baku, den 31. Dezember (AZERTAG). Pest, Syphilis und Ruhr hießen die Killer des Mittelalters. Da es damals noch keine wirksamen Gegenmittel gab, nutzten die Medici obskure Methoden, die den Kranken oft mehr schadeten als halfen.

Robert Cole lernt früh, wie wenig die Medizin des Mittelalters Krankheiten entgegenzusetzen hat. So nützt dem aus dem „Medicus“ bekannten Filmhelden auch seine erste magische Vorahnung nichts: Den herannahenden Tod seiner Mutter kann er nicht verhindern. Hilflos muss er dabei zusehen, wie sie an der Seitenkrankheit verstirbt. Doch die Blinddarmentzündung, die sich hinter der altertümlichen Bezeichnung verbirgt, ist bei Weitem nicht der einzige Killer des 11. Jahrhunderts. In der präantibiotischen Ära sind es Infektionskrankheiten, die die meisten Todesopfer fordern.

Den größten Anteil daran dürften die Bakterien „Yersinia pestis“ haben. Die Pest war nicht umsonst unter dem Namen „schwarzer Tod“ bekannt. In nur fünf Jahren, von 1347 bis 1352, starben mehr als 25 Millionen Menschen an der furchteinflößenden Erkrankung, die sich mit blauschwarz gefärbten Beulen oder Bluthusten ankündigte. Eine sinnige Erklärung fand man damals nicht: Mal war es die schlechte Luft, ein andermal eine verhängnisvolle Sternenkonstellationen, die das Auftreten der Seuche erklären sollten. Andere machten Ausländer, Menschen mit Behinderungen oder Juden für das Unheil verantwortlich. Entsprechend irrsinnig waren die vermeintlichen Gegenmaßnahmen. Ärzte rieten dazu, Türen und Fenster zu verriegeln oder feuchtschwüles Klima zu meiden. Juden wurden verfolgt und ermordet. Und die Pest wütete weiter.

Erst hunderte Jahre später wurde klar, wo die Plage eigentlich herkam. 1894 entdeckte der Schweiz-Franzose Alexandre Yersin den Pesterreger, der nun nach ihm benannt ist. Weitere vier Jahre später entschlüsselte Paul-Louis Simond, wie sich Yersinia pestis so schnell in ganz Europa ausbreiten konnte. Schuld waren die Ratten und ihr Ungeziefer, mit dem sie durch die Städte streiften. Denn unter den Ratten-Parasiten verbarg sich auch ein Floh, der die gefährlichen Pestbakterien häufig in seinem Vormagen trug - und bei der nächsten Blutmahlzeit so auf sein Opfer übertrug.

Eigentlich mag dieser Floh das Blut von Ratten viel lieber als das von Menschen. Nur richtete die Pest die Nager gleichermaßen wie die Menschen zugrunde. Deshalb wich das Ungeziefer notgedrungen auf den Menschen aus. Einmal in dessen Blutkreislauf gelangt, verbreiteten sich die Bakterien schnell im Körper des Opfers und setzten sich in Lymphknoten und Organen fest. Die Lymphknoten schwollen dadurch massiv an, verfärben sich bläulich-schwarz infolge von Blutungen und Nekrosen, und bestimmen so das Erscheinungsbild der gefürchteten Beulenpest.

Es gibt aber noch eine weniger sichtbare Form der Pesterkrankung, die meist noch rascher zum Tod führte. Denn die Bakterien können sich ebenso in der Lunge festsetzen und durch Tröpfeninfektion übertragen werden. Sind die Keime einmal im Atemapparat angelangt, geht alles ganz schnell: Erst Atemnot, dann schmerzhafter Husten mit blutigem Auswurf, zum Schluss Lungenödem mit tödlichem Kreislaufversagen. Die Lungenpest tötet innerhalb von wenigen Tagen.

Jeder Dritte fiel damals der Pest zum Opfer. Sie war allerdings nicht die einzige Plage, die Europa damals heimsuchte. Die Stadt des Mittelalters bot den idealen Nährböden für Magen-Darm-Erkrankungen: Nachttöpfe wurden achtlos auf der Straße entleert, Nutztier lief frei herum, häuslicher Müll und Schlachtabfälle wurden einfach liegen gelassen. In dem allgegenwärtigen Unrat konnten sich Ruhrbakterien problemlos vermehren und schnell ein neues Opfer finden. Mit der Verbreitung des Reisens und des Handels waren sie ebenso schnell in einer anderen Stadt angelangt. Für die Behandlung der Durchfallerkrankungen fand man damals kaum adäquate Mittel. Weder die Bitte um Gottes Gnade noch Kräuter und Tiergedärme halfen. Nach tagelangem Durchfall und Erbrechen starben viele Menschen an der inneren Austrocknung.

Während die Übertragung der Ruhr damals unterschätzt worden ist, überschätzte man jene vom sogenannten Aussatz. Darunter fiel eine ganze Reihe von Hauterkrankungen, vor allem aber die Lepra. Wie viele dieser „Aussetzigen“ tatsächlich an der bis heute gefürchteten Krankheit litten, ist unbekannt, da zwischen den unterschiedlichen Hauterscheinungen nicht strikt unterschieden worden ist. Stattdessen wurden alle Verdächtigen isoliert, weil man befürchtete, dass sich andere Menschen durch abgesonderte Dämpfe der Kranken anstecken könnten. Sie wurden in sogenannten Leprosenhäuser gesperrt, die bald in fast allen mitteleuropäischen Städten zu finden waren.

Mittlerweile weiß man allerdings, dass die Lepra bei Weitem nicht so infektiös und tödlich ist, wie einst angenommen wurde. Heute ist die Lepra zwar noch nicht ausgerottet, dafür aber selten geworden. Die Erkrankung findet sich vor allem in armen Ländern mit schlechten hygienischen Verhältnissen. Unterernährung und ein geschwächtes Immunsystem in vielen Teilen der Bevölkerung begünstigen die weitere Übertragung. Und wirksame Medikamente, die die Krankheit heilen könnten, sind hier rar.

Geeignete Behandlungsmöglichkeiten gab es im Mittelalter ebenso wenig. Stattdessen mahnte der Klerus zur sexuellen Enthaltsamkeit, um Gottes Gnade zu verdienen. Der Lustverzicht half natürlich nicht gegen das Bakterium, das eigentlich dahinter steckte. Das Mycobacterium leprae setzt sich in Fress- und Nervenzellen seines Opfers fest. Je nachdem, wie es um dessen Abwehrlage bestimmt ist, bildet sich die Infektion dann von selbst wieder zurück, oder führt zu den erschreckenden Hautveränderungen, vor denen sich die Menschen damals fürchteten: Knoten, Flecken und Geschwülste, die sich über den ganzen Körper ausbreiten und ihn zunehmend verstümmeln.

Geschwüre drohten auch bei einer anderen gängigen Erkrankung des Mittelalters, die sich allerdings erst spät in Europa ausbreitete: Erzählungen zufolge kamen die Syphilis mit der Mannschaft von Christoph Kolumbus nach Spanien. Geblieben ist die Geschlechtskrankheit bis heute. Das Bakterium führt zunächst zu einem schmerzlosen Geschwür im Genitalbereich; begleitende Schwellungen der Leistenlymphknoten sind häufig. Schreitet die Krankheit weiter fort, dann treten auch hier diverse Hauterscheinungen wie Flecken und Knötchen auf. Befällt der Erreger das Nervensystem, drohen Lähmungen, Missempfindungen und geistiger Verfall.

Therapiert wurden die Läsionen damals mit Quecksilber - wodurch die Kranken oft noch kränker wurden. Denn das Schwermetall ist hochgiftig. So starb der Patient oft an seiner Therapie, und nicht an der Erkrankung. Mittlerweile ist das glücklicherweise anders. Mit Hilfe von Antibiotika können Syphilis und Lepra geheilt werden. Und sogar der schwarze Tod ist nicht mehr zwangsweise tödlich.

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