Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Wie ein Bettler in Indien Leben rettet

Wie ein Bettler in Indien Leben rettet

Baku,13. August, AZERTAC

Arme können sich keine Medikamente leisten, Kliniken schicken Schwerverletzte nach Hause: Das indische Gesundheitssystem ist schockierend schlecht. Ein 79-Jähriger hat einen Weg gefunden, Kranken zu helfen.

Omkarnath Sharma ist nicht nur 79 Jahre alt. Der Inder ist auch schwer gehbehindert, seit er als 12-Jähriger von einem Auto angefahren wurde. Der pensionierte Blutbank-Techniker hätte also allen Grund, sich zu schonen. Doch zum Stillsitzen ist Sharma nicht gemacht: Fünf bis sieben Kilometer schlurft er tagein, tagaus in seinen weich gefütterten Pantoffeln - richtige Schuhe sind ihm zu unbequem - durch die besseren Viertel Neu-Delhis.

In einem selbst entworfenen, orangefarbenem Outfit verkündet er dort lautstark sein Anliegen. „Der Medicine Baba ist hier! Gebt mir Eure alten Medikamente! Schmeißt sie nicht weg, sie können das Leben eines Armen retten!“

Sharma bettelt, und er tut es gern: Denn mit den Arzneien, die ihm die Hausfrauen der indischen Hauptstadt überlassen, betreibt er eine Umsonst-Apotheke. In dem garagengroßen Verhau im Arme-Leute-Viertel Mangla Puri quellen die Regale über. Medikamentenschachteln in Regenbogenfarben, angebrochene Blisterpackungen und halbvolle Arzneimittelflaschen sind nach Alphabet sortiert. Sharma kramt ein wenig, dann hat er gefunden, was der draußen wartende Ram Prakash braucht: Ein Breitband-Antibiotikum und eine entzündungshemmende Salbe.

Prakash ist ein lokaler Klempner und vor ein paar Tagen von einem Dach gefallen. Dabei hat sich der 23-Jährige die linke Gesichtshälfte von der Wange bis zum Kinn aufgeschrammt, jetzt droht eine Entzündung. Mangla Puri ist kein Ort, der die Wundheilung befördern würde. Das Viertel ist wie viele in Delhi schneller gewachsen als seine Infrastruktur. Stromkabel hängen wie Spaghetti-Bündel von unverputzten Häusern, in den Gassen stehen lehmige Pfützen aus Kloake und Regenwasser.

Von der offenen Müllkippe, in der sich - nur einen Steinwurf weit von Sharmas Apotheke entfernt - wild lebende Schweine tummeln, weht bestialischer Gestank herüber. Armut und mangelnde Hygiene kommen überall in Indien zusammen, entsprechend weit verbreitet sind Infektionen.

Augenzeuge eines Unglücks: Das aufrüttelnde Erlebnis - Das Antibiotikum, das Prakash fünf Tage lang nehmen soll, hätte in einer echten Apotheke 63 Rupien, knapp einen Euro, gekostet. „Das hätte ich mir nicht leisten können“, sagt der junge Mann. In der Theorie hat Indien ein staatliches Gesundheitssystem, innerhalb dessen die Armen umsonst behandelt werden. In Wahrheit ist das System völlig überlastet, überall fehlt es an Geld. Diese klaffende Lücke in der medizinischen Versorgung wollen Aktivisten wie Omkarnath Sharma schließen.

„Ich war 2008 zufällig Augenzeuge des Unglücks an der Laxmi Nagar Metro-Station“, sagt Sharma. Bei dem Einsturz einer im Bau befindlichen Brücke starben damals zwei Arbeiter, 16 wurden verletzt. Sharma und andere Freiwillige brachten sie in Krankenhäuser und mussten mit ansehen, wie die überforderten Kliniken die teils Schwerverletzten nach einer notdürftigen Erstversorgung nach Hause schickten.

„Ich war schockiert und dachte: Wenn der Staat seinen Bürgern nicht helfen kann, müssen die Bürger sich gegenseitig helfen“, sagt Sharma. „Jeder Inder soll Zugang zu der Therapie und den Medikamenten haben, die er braucht. Und wenn er nicht zahlen kann, muss das alles umsonst sein.“ Also fing er an, alte Arzneien zu sammeln und umzuverteilen.

Sharma steht für ein Phänomen, das den für viele erbarmungslosen Alltag Indiens zumindest ein bisschen erträglicher macht. Wo der Staat versagt, nehmen viele Inder die Sache selbst in die Hand. Ob Medizin, Medien, Landwirtschaft, Bildung, Justiz: Es gibt kaum einen Missstand in Indien, den nicht ehrenamtlich tätige Bürger bekämpfen.

Nach einer Studie der Bundespolizei CBI vom Februar 2014 operieren derzeit mindestens zwei Millionen Nichtregierungsorganisationen (NGO) auf dem Subkontinent. Auf 600 Inder kommt demnach eine NGO. Zum Vergleich: Polizisten gibt es in Indien nach Angaben des Innenministeriums nur einen pro 943 Einwohner. Und in China ist das Verhältnis Bürger-NGO eins zu 3000.

Den indischen NGO-Boom erklären Experten mit den Umwälzungen, die das Land seit seiner Öffnung für die Marktwirtschaft 1992 erfahren hat. Der Graben zwischen Arm und Reich sei seitdem dramatisch aufgerissen, sagte Madhav Chavan der Webseite scroll.in. Er ist Gründer einer sehr erfolgreichen Kampagne, die Schulbildung für Grundschüler ermöglicht. Viele in der neuen, wohlhabenden Mittelschicht sähen es als ihre Pflicht an, ihren weniger glücklichen Landsleuten zu helfen.

Eine 2013 vorgenommene Gesetzesänderung hat indischen Organisationen zudem einen unerwarteten Geldsegen beschert. Seitdem müssen Firmen, die jährlich mehr als umgerechnet 700.000 Euro Gewinn machen, etwa zwei Prozent dieses Gewinns an wohltätige Einrichtungen spenden.

Bei Sharma kommen Gelder großer Firmen nicht an. Zwar stiften Wohltäter ab und an mal ein Pflegebett oder eine Sauerstoff-Flasche. Doch im Prinzip lebt seine Initiative von dem, was er von seinen täglichen Beutezügen mitbringt. Es sei erstaunlich, welche Schätze sich in den Badezimmerschränken von Delhi fänden, sagt der alte Mann. „Ich sammle und verteile Medikamente im Wert von vier bis sechs Lakh Rupien im Monat“, sagt er. 5500 bis 8300 Euro - so viel hat er als Laborant im Jahr nicht verdient.

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