Als das Meer für Wale ein Schlaraffenland war
Baku, den 14. Mai (AZERTAG). Meeresbiologen haben einen verblüffenden Zusammenhang aufgedeckt. Die Evolution der Wale machte vor 30 Millionen Jahren einen riesigen Sprung - verursacht durch die Vereisung der Antarktis.
Schon seine Körperlänge markiert den Zwergglattwal Caperea marginata zu einem Sonderling unter den Bartenwalen. Während die sonstigen Arten dieser Unterordnung wahre Kolosse sind - unter ihnen die größten Tiere, die jemals auf der Erde gelebt haben -, ist der Zwergglattwal mit allenfalls sechs Meter Länge gerade einmal so groß wie der Kopf eines Blauwals.
Obendrein lebt die Art zurückgezogen und scheint so selten zu sein, dass sogar die Walfänger sie ignorieren. Auch Wissenschaftler bekamen Caperea marginata, so sein lateinischer Name, kaum einmal zu Gesicht, und seine Verwandtschaftsverhältnisse zu anderen Walen waren daher bislang völlig unklar.
Als jetzt Ewan Fordyce und Felix Marx von der University of Otago im neuseeländischen Dunedin die wenigen Knochen und Fossilien von Zwergglattwalen in ihrer geologischen Sammlung und im Nationalmuseum des Landes Te Papa in Wellington miteinander verglichen, enthüllten sie eine kleine Sensation. Die kleinen Bartenwale gehören gar nicht zur Familie der Glattwale, sondern sind die letzten Überlebenden einer Familie von Walen, die Forscher seit mehr als zwei Millionen Jahren für ausgestorben hielten, die sogenannten Cetotheriidae.
Wie die beiden Forscher in der Fachzeitschrift „Proceedings of the Royal Society B“ schreiben, ergänzt diese Familie damit die Furchenwale, Grauwale und Glattwale zu einem Quartett der heute noch lebenden Familien der Bartenwale.
Und: Der Zwergglattwal hat damit auch eine direkte Verbindung von den Urwalen bis zur Entstehung der ersten modernen Wale. Die Spuren letzterer tauchten nämlich vor rund 30 Millionen Jahren auf. Nicht sehr viel später schwammen dann vor etwa 25 Millionen Jahren die ersten Cetotheriidae durch die Weltmeere.
Wiege der modernen Wale - Die Wiege dieser modernen Wale aber schwamm auf den Meeren rund um die Antarktis, vermutet Ewan Fordyce. Genau dort, in den kühlen Gewässern vor Neuseeland, der Südküste Australiens oder vor den Falklandinseln wurden bisher auch in sehr wenigen Fällen Zwergglattwale gesichtet.
In der Entstehungsgeschichte der Wale blättern Forscher wie Ewan Fordyce immer wieder wie in einem offenen Buch, wenn es um die Regionen im Süden der Südinsel Neuseelands geht. Dort fand man etwa in den Kalksteinen im Waitaki-Tal gut hundert Kilometer nördlich von Dunedin versteinerte Kiefer eines Delfins, in denen oben und unten je zwei lange Reihen scharfer Zähne sitzen, die wie Zahnräder ineinandergreifen.
Obwohl sich ihr Schnabel selbst seither nur wenig verändert hat, haben heutige Delfine dieses rasiermesserscharfe Gebiss nicht mehr, das ein wenig an einen Hai erinnert. Solche Delfine aber schwammen zur gleichen Zeit wie die ersten Bartenwale durch die Weltmeere.
Sie gehören, wie alle Delfine, zur zweiten Unterordnung der Wale, der Zahnwale. Solche Fossilien tauchen im Kalk des heutigen Waitaki-Tals auf, weil dort viele Jahrmillionen lang ein flaches Meer an die Küste schwappte. An seinem Grund bildete sich aus den Schalen toter Muscheln und Krebse der Kalk, der heute im Tal abgebaut wird, um daraus Häuser und Brücken zu bauen.
Sanken dort tote Wale auf den Grund, versteinerten einige ihrer Knochen mit der Zeit und blieben der Nachwelt so erhalten. Später hoben die Kräfte des Erdinneren diese Schichten über den Meeresspiegel.
Ältesten Spuren moderner Wale - Auf Grund dieser einmaligen geologischen Geschichte tauchen im Waitaki-Tal immer wieder versteinerte Delfine und Wale aus der Zeit vor 24 bis 32 Millionen Jahren auf, während solche Funde im Rest der Welt extrem selten sind.
Seit 1982 untersucht Ewan Fordyce die Fossilien dieser Gegend und wundert sich seither über einen verblüffenden Zusammenhang. Nirgendwo auf der Welt finden sich ältere Spuren von ersten modernen Zahn- und Bartenwalen - und die Überreste beider tauchen im Waitaki-Tal in Neuseeland zuhauf auf. Daraus schließt der Wissenschaftler, dass sowohl Zahn- als auch Bartenwale genau in der Zeit entstanden sein müssen, als sich der Kalk des Waitaki-Tals bildete.
Auch ein weiterer Wendepunkt der Erdgeschichte gibt Ewan Fordyce gute Gründe für seine Annahme. Weiter im Süden lag der Kontinent Antarktis bereits vor 120 Millionen Jahren am Pol, war aber damals ganz oder zumindest weitgehend ohne Gletscher und Eispanzer.
Damals gab es aber noch Landbrücken nach Südamerika und nach Australien, die nach den Annahmen von Geologen anscheinend erst vor rund 34 Millionen Jahren abbrachen. Seither lag die Antarktis wie eine riesige Insel am Südpol. In diesen Breiten aber wehte fast immer ein starker Westwind, der das Wasser der Meere wie einen riesigen Kreisel rund um die Antarktis trieb.
Dieser Ringstrom isolierte die gesamte Region von den wärmeren Gegenden weiter im Norden. Erst diese Isolation ließ dann die Gletscher wachsen, die vorher nur wenige Regionen im Hochgebirge bedeckt hatten. Nach einiger Zeit lagen schließlich große Teile der Antarktis unter einem dicken Eispanzer.